Lexikon


Literatur

Nein, kein Was-Ist. Was-Ist-Fragen stellen sich in einer stratifikatorisch ständischen Gesellschaft, die jedem ihrer Sach- und Interaktions-Verhalte, jeder ihrer Organisationen und Institutionen notwendig einen festen Platz zuweisen muss. In funktionalistisch liberalen Gesellschaften wie den unseren fragt sich hingegen, was eine Organisation oder eine Institution vermag, wie erfolgreich sie ihre Sache in ökonomischer, politischer, sozio-kultureller Interaktion durchzusetzen weiss. Die Frage, um deren Beantwortung es im Folgenden gehen wird, lautet also nicht: Was ist Literatur? Sondern: Was vermag Literatur? 

Reto Finger, weiland Präsident des AdS, hat in seiner Abschieds-Rede vom Frühjahr 2012 dankenswerterweise dazu Stellung genommen. Er spricht dort zwar von Kultur, aber an ihrer Stelle lässt sich, meine ich, ohne weitere Umstände die ohnehin mitbetroffene Literatur einsetzen. 

„Ich glaube, es wird eine wichtige Aufgabe von uns sein, dieser Gesellschaft klar zu machen, dass Kultur Dinge leistet (wie Integration, Verständigung, Vermittlung, Abbau von Angst etc.), die für eine Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind. Und das kostet, genauso wie Bahnstrecken, Gesundheitssysteme oder Rentenkassen.“ (AdS-Bulletin vom Juli 2012, S. 14f.) 

Integration, Verständigung, Vermittlung, Abbau von Angst. Lässt sich gegen dieses Programm etwas einwenden? Nein. Weshalb hört dann die Gesellschaft so hartnäckig nicht zu, wenn Kultur und Literatur die Mittel zu dessen Erfüllung fordern? 

Der gemeinsame Oberbegriff aller eben aufgeführten Programmpunkte lautet: Entschärfung, Milderung (nicht Abschaffung) von Interessen-Gegensätzen zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen, innerhalb gesellschaftlicher Gruppen und im Dasein des einzelnen Individuums, die den gesellschaftlichen Gesamt-Zusammenhang und –Zusammenhalt nicht als erwünschte Konkurrenz fördern und erweitern, sondern ihn behindern, beeinträchtigen oder gar lähmen. Mit der Lösung dieser Aufgabe befassen sich in Gesellschaften wie den unsrigen: Erstens die Politik selbst, deren Grundsatz in einer parlamentarischen Demokratie im Interessen-Handel zwischen Gruppierungen besteht (nicht unbedingt im Interessen-Ausgleich). Zweitens die Institutionen des Sozialstaats, die das Ergebnis des jeweiligen Handels in Integrations-Leistung umsetzen und demgemäss zur Vermittlung von Gegensätzen zwischen den handelnden Gruppierungen beitragen. Drittens die manchmal, aber nicht durchgängig ehrenamtlichen Einrichtungen der Zivil-Gesellschaft, die sich um Verständnis und Verständigung zwischen und innerhalb gesellschaftlicher Gruppen bemühen. Viertens und last but not least die Unternehmen einer ständig wachsenden Weiterbildungs-, Beratungs- und Coaching-Industrie, die im Dasein des einzelnen Individuums seine Angst vor es bedrohenden Sachverhalten nicht bloss abzubauen, sondern in in erfolgversprechende Aggression umzubauen suchen. Und an diesen ohnehin schon langen Zug wollen Kultur und Literatur ihren Wagen auch noch hängen? Die Expertinnen und Experten in Politik, Sozialstaat, Zivil-Gesellschaft und Ich-Industrie mit dem Enthusiasmus gutmeinender Laien beeindrucken? 

Angenommen, Kultur und Literatur wollen sich weiterhin als gesellschaftsbezogenes Dienstleistungsangebot verstehen. Dann müssen sie, wenn sie erfolgreich sein wollen, den Nachweis eines Dienstes erbringen, den keine andere gesellschaftliche Institution so gut, so zielgenau und so wirksam zu leisten vermag wie sie. Ohne Konkurrenz werden sie nie sein. Aber sie müssen wissen, wo und wie sie sich als Marktführer behaupten können, und sie müssen entscheiden, in welcher Weise sie das tun wollen. 

Was also kann Literatur, was nichts und niemand ausser ihr so gut, so genau, so gründlich wie sie kann? Mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Sprache so umgehen, dass er erkennbar, mehr noch: nachvollziehbar, mehr noch: kritisierbar, mehr noch: veränderbar wird. Wie das? Wozu soll das nützen? Welchen Dienst leistet das wem? 

Das Zustande-Kommen jeglicher Art von sprachlicher Äußerung beruht auf der Anwendung einer Fülle untereinander in Verbindung stehender Regeln. Diese Regeln schaffen Unterscheidungen und damit die Möglichkeit der Entscheidung für eine der beiden Seiten der Unterscheidung. Je mehr Entscheidungen getroffen werden, desto bestimmter, konkreter wird die Gestalt der beabsichtigten Äußerung, bis sie mit ihrer Absicht übereinstimmt und mit Aussicht auf Erfolg geäußert werden kann. (Sowohl die Sprachspiel-Theorie Wittgensteins als auch die Sprechakt-Theorie Searles beruhen auf diesem Prozess.) Selbstverständlich vollziehen wir ihn nicht jedes Mal bewusst nach, wenn wir sprechen. Wir würden sonst mehrere Minuten Vorlauf brauchen, um auch nur einen Satz zu bilden. Deshalb halten wir unsere alltägliche Art des Sprachgebrauchs für naturgegeben und setzen sie mit der Sprache überhaupt gleich. Deshalb sind wir jedes Mal überrascht und irritiert, wenn wir einem Text begegnen, der uns auf die eben genannten Regeln hinweist, indem er sie ändert. Solche Texte begegnen uns heutzutage ständig und zuhauf: in den Medien, in der Werbung, in der Politik, kurz: in allen Diskursen, die, den öffentlichen Raum besetzend, unsere Aufmerksamkeit, eigentlich unsere ausschliessliche Aufmerksamkeit heischen. Alle diese Texte bedienen sich phonologischer, grammatischer, rhetorischer, poetischer Regel-Verschiebungen, manchmal kleiner und kleinster, um uns in dem Gleichgültigkeit erzeugenden Diskurslärm, der uns umgibt, aufhorchen und aufmerken zu lassen. (Mallarmé hat seinerzeit darauf hingewiesen, die Poetik der Lyrik sei an die Journale übergegangen, bloss die Werbung hinke noch hinterher. Heute ist’s umgekehrt: Die Werbe-Texte bilden im öffentlichen Raum die sprachregelverändernde Avantgarde, während die Medien hinter ihnen her keuchen.) Was bedeutet nun diese Sach- beziehungsweise Diskurs-Lage für Gestalt und Funktion des öffentlichen Raums, für die gesellschaftliche Kommunikation und Interaktion überhaupt? 

Wir lebten gegenwärtig, wird heute gern behauptet, in einer Medien-Gesellschaft. In einer Medien-Gesellschaft haben wir in Westeuropa und den USA seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu leben begonnen. Inzwischen hat sich die Medien-Gesellschaft in eine mediale Gesellschaft verwandelt: Was anfänglich Instrument und Figur war, ist jetzt Prinzip und Form. (Darauf sucht McLuhan in allen seinen Schriften hinzuweisen.) In Rücksicht auf die Darstellung von Inhalten, die von ihnen deutlich verschieden sind, fungieren Medien als Instrument und Figur. Sie unterscheiden das von ihnen Vermittelte durch ihre eigentümliche Vermittlungsweise von sich selbst. Sie weisen etwas für sie anderes als dieses andere aus und negieren damit dessen Identität mit ihnen. Eben in dieser Negation jedoch ist solche Identität zukünftig angelegt. Das Vermittelte reflektiert sich in seiner Vermittlung, erkennt sich darin ebenso sehr durch sie bestimmt wie sie in ihrer Negativität bestimmend und folglich an sich mit ihr identisch. Rücksicht auf Darstellung verwandelt sich in Rücksicht auf Darstellbarkeit. Die Welt ist, was sich in Bild, Ton und Schrift sowie deren mannigfachen Kombinationen diskursiv präsentieren lässt, nicht mehr und nicht weniger (diesen gesellschaftlichen Zustand meint McLuhan mit seinem inzwischen leider zur Floskel gewordenen Satz: Das Medium ist die Botschaft). Was ist, ist informativ und kommunikativ darstellbar; was nicht so ist, ist nicht und infolgedessen nichts. Die Gesellschaft der Transparenz und der Erhellung, als die sich die unsere heute so gerne gibt, ist zugleich eine Gesellschaft des Verdeckens und des Verschwindens, der Verdunkelung und der Opazität. 

Der für Information und Kommunikation zur Verfügung stehende öffentliche Raum lässt sich nicht endlos ausdehnen. Oekonomische, politische, soziale, technische und nicht zuletzt wahrnehmungs-psychologische Schranken grenzen ihn ein. Da die Zahl der ihn als Rohstoff nutzenden Industrien wächst, wächst der Konkurrenzkampf um seine Parzellen mit. Diesen Kampf führen die in ihn verwickelten Unternehmen, indem sie die Normen und Regeln alltäglicher Informations- und Kommunikations-Praxis in origineller und überraschender Weise ändern, also ihre ökonomischen Interessen mit Hilfe rhetorischer und poetischer Prinzipien und Prozeduren verfolgen. Konsumentin und Konsument finden sich demgemäss im öffentlichen Raum einer drängenden wie bedrängenden Fülle einander an Innovation und Sensation überbietender Diskurse in Bild, Ton und Wort ausgesetzt, die sie entweder harthörig oder effektgläubig sowie tendenziell gleichgültig macht. 

Was vermag Literatur bei dieser Lage der Dinge? Mit ihrem aufmerksam eingreifenden Diskurs jenes Gewirr und Gedränge zu schlichten und es auf seine herrschende Ordnung hin durchsichtig zu machen. Sie vermag dann das, was sie zeigt, ins Licht und in den Zusammenhang anderer, andersartiger Ordnung zu setzen – tragisch komisch ironisch, melancholisch polemisch, untergrabend und unterlaufend, überzeichnend und überverdeutlichend, so in das Spiel, das sie vorführt, eigene Ordnungen mit eigenen Regeln einführend. Sie vermag schliesslich, diese Regel-Ordnungen ihren LeserInnen als Spiel-Anleitungen und somit als Mittel anzubieten, sich aus ihrer Rolle als blosse Diskurs-KonsumentInnen zu befreien und sich in MitspielerInnen zu verwandeln. Literatur hat bei der Lösung dieser gesellschaftlichen Aufgabe keine Konkurrenz. Nur sie ist ihr gewachsen. Allerdings wird sie zuerst und zunächst die von der ‚surprise‘-Strategie der Diskurs-Industrie verdrängte und verschüttete Aufgabe selbst wieder zu gesellschaftlichem Bewusstsein bringen müssen. 

wmf/7. Oktober 2012


Was ist modern?

Nicht in oder hip oder aktuell. Modern. Eine mehr als 350 Jahre alte Formel weiß es immer noch am besten: Cogito – sum. (René Descartes) Ich denke – ich bin. Ich bin, was ich denke zu sein. Was ich denke, ist. Denken gleich Sein. So sagt der Mensch der Aufklärung. Er sagt nicht: Cogito, ergo sum. Ich denke, also bin ich. Er leitet nicht ab, er begründet nicht, er rechtfertigt nicht. Worauf er sich beruft, ist kein Satz, sondern eine Setzung. „Es darf nicht ergo lauten.“ (Immanuel Kant) Der Gedankenstrich annulliert jeden Versuch, die unmittelbare, harte Gleichung von Denken und Sein vermittelnd aufzuweichen, die Setzung in einen Satz, den Anspruch in eine Feststellung zu verwandeln. 

Die Folgen? Das Gegenständliche, das Objektive, ob in den Beziehungen zwischen Menschen und Menschen oder in denen zwischen Menschen und Dingen, hat keine Stimme gegenüber dem, was denkend und darin bereits handelnd über es bestimmt. Durch die Sprache, die sie führen könnte, ist ein Gedankenstrich gezogen. Ein Gedankenstrich, der alle Formen moderner Macht nach sich zieht: die bedrohende, die bedrückende, die befehlende, die auffordernde, die anspornende, die versprechende, die belohnende. Sie stellen das Gleichheitszeichen für die Gleichung. 

Und wenn das Zeichen keine Gleichheit herzustellen vermag? Wenn es ihm nicht gelingt, die Setzung zu bestätigen? Wenn es eine leere Stelle wird, die das unmittelbare Ineins von Denken und Sein entzweien könnte? Wenn die Moderne in Gefahr käme, nach der Rechtfertigung der Wahrheit zu fragen, aus der sie ihre Wahrheiten nimmt? Dann streicht der Gedankenstrich diese Form des Gleichheitszeichen aus und ersetzt sie durch eine neue. Die Macht weicht der Gewalt. Dann werden Irak und Afghanistan Demokratie, Freiheit und Menschenrechte mit Granaten und Raketen nahegebracht, den Banlieues der Flammenwerfer angedroht, den Flüssen ihr Gold mit Quecksilber aus den Adern gesprengt und den Bergen die Gipfel geköpft, damit sie die unter ihnen liegende Kohle preisgeben. Dann sagt der CEO der Betreibergesellschaft von dem Öl, das aus dem Loch unter seiner explodierten Bohrinsel strömt: Wir haben es im Visier, aber wir haben ihm noch keine Kugel durch den Kopf gejagt. 

Geht es darum, den Glauben an die Wirklichkeitskraft des Denkens durch Unglauben zu ersetzen? Nein. „Was ist das Gegenteil von Glaube? Nicht Unglaube [...] Selbst eine Art Glaube. Zweifel.“ (Salman Rushdie) Vielleicht einer von dieser Art: „Wir haben keinerlei Vorstellung davon, wie Bewusstsein in einem rein materiellen System entsteht.“ (Michael O’Shea, Das Gehirn) Da ist er wieder, der Gedankenstrich, nur dass er diesmal von der anderen Seite der Gleichung ausgeht. Ob er sich wohl nachzeichnen, ausziehen, vertiefen ließe? 

wmf/7. Oktober 2012


Lebensraum.....

lebensraum.....  

wird heutzutage in der stadtentwicklung oder in den sozialwissenschaften gebraucht, als bezeichnung für orte oder gebiete, wo bestimmte gruppen ihre besonderen interessen oder bedürfnisse ungestört leben dürfen. in den modernen städten schafft man lebensräume für menschen mit behinderungen, für migrantinnen, für familien, für alte, für kinder, für bedrohte tiere und pflanzen. 

lebensraum wird für alles geschaffen, was geschützt werden muss, ist also raum für leben, der extra geschaffen wird, damit leben, dass ausserhalb dieses bestimmten raumes so nicht stattfinden dürfte, sich erst entfalten kann: mein raum ist mein lebensraum. 

aber: lebensraum als historischer begriff stammt aus dem militärarsenal, ist also sprachlicher teil der strategien, die über lange zeit das europa des 20. jahrhunderts und davon ausgehend die anderen kontinente in einen hort der gewalt und zerstörungswut verwandelten, war sprachliche munition ideologischer waffen im geopolitischen verteilungskampf. 

lebensraum bedeutet bewohnter raum einer sozialen gruppe oder einfach gesagt gebietsanspruch. der begriff entwickelte sich mit der europäischen kolonialpolitik. war teil des selbstbewusstseins aufstrebender nationalstaaten. mangelnder lebensraum dient der rechtfertigung für militärische expansion. «volk ohne lebensraum» war im deutschen nationalsozialismus der zentrale begriff, um okkupation, deportation und genozid zu begründen. und lebensraum prägte auch die leitidee im französischen kampf um die kolonien in algerien. 

«lebensraum bilden» impliziert, dass etwas leergemacht werden muss, damit es durch etwas anderes wieder gefüllt werden kann. «spezifizierter lebensraum» impliziert, dass innerhalb der grenzen dieses raumes nicht sein darf, was ausserhalb zu bleiben hat. oder daraus entfernt werden muss. und impliziert auch, dass bestimmte gruppen über problematische attribute verfügen, die nur in den besonderen räumen, oder ausserhalb, gestattet sind. 

das wort lebensraum definiert sich zwangsläufig durch sein gegenstück: den nichtlebensraum. lebensraum benötigen heisst also, dass ich ohne diesen bestimmten raum nicht leben kann. oder, dass ich ausserhalb dieses bestimmten raumes nicht leben darf. leben als solches ist jedoch unteilbar. ich kann nicht leben und gleichzeitig nicht leben. ich kann nicht in dem einen raum leben und im anderen nicht leben. 

räume unterteilen, verteilen, zerteilen, zuteilen und kategorisieren. leben aber ist nicht verhandelbar. 

JL/1. Oktober 2011


Jugendgewalt –

ein Schnappschuss von der Website des Departements für Inneres, Rubrik Jugendkriminalität

Es wird klar geäussert, dass die Zahl der ausländischen Täter zurückgegangen sei. Es wird klar geäussert, dass die Strategie, sich auf ausländische Straftäter zu fixieren, zu kurz greife. Es wird auch klar geäussert, es sei völlig falsch, schweizerische und ausländische Jugendliche unterschiedlich zu behandeln. 

Im Abschnitt, in dem die konkreten Massnahmen der Kantone beschrieben sind, werden aber nur verschärfte Einbürgerungs-, Aus- und Wegweisungsmassnahmen für ausländische Jugendliche genannt. Und sie werden als «nachhaltig» und «wirkungsvoll» bezeichnet. 

JL/30. September 2011

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