Über den Tag hinaus




sfr | 31. August 2012

Vor Marikana / Nach Marikana

Vor Marikana

In kwaZulu-Natal rasen wir stundenlang neben Eukalyptusplantagen her:
Abertausend gleissend-weisse Stämme entziehen dem Land das Wasser
Genetically modified sagt meine Schwester und entlang der Strasse
die Schienen für das Holz für das Papier für einen Text wie diesen

Im Fieberfrost einer erinnerten Grippe dringt der Geruch
von Inhalationen von Dampf ins Auto und auf dem Pannenstreifen:
Schwarze Kinder kommen in ihren Uniformen aus der Schule
At least two bodies haben sie und ihr Mann hier liegen sehen

Hinter der letzten Plantage dann die erste von vielen Minen
Diamanten vielleicht oder Kupfer für unsere Armreifen in Solidarität
mit Menschen mit HIV mit AIDS und vom Rücksitz ihre Stimme:
Darling turn the aircon off


Nach Marikana

Ein Journalist beschwört Dornbüsche, verdorrtes Gras und beinahe biblisch
taucht die sinkende Sonne den Hill of Horrors in warmes Licht im Flugzeug
in der ersten Zeitung seit Tagen lässt er sich von Alliterationen verführen
von Schmelze, Schlachtfeld und Schwarze schiessen auf Schwarze

Im Flugzeug in der ersten Zeitung nordwestlich von Johannesburg
stolpere ich über Begriffe keine Bilder stellen sich ein zu Platin zu 80 Prozent
des Weltvorkommens das unter uns liegt unter der Wolkendecke unter Tag
keine Bilder zu Lohnforderungen, D-Day und 34 Kumpel

Von Apartheid ist die Rede von automatischen Gewehren und im Flugzeug kommt
nach der ersten Nennung des African National Congress das Kürzel in eine Klammer
wie man es gelernt in der weissen Welt die nichts mehr versteht schon gar nicht
Z wie Zuma während ein Streikender im Aufmacherbild so nennen wir das

Ein Streikender leckt die scharfe Spitze seines Speeres ab





wmf | 19. August 2012

Neofeudalismus

statt Neoliberalismus? Die NZZ hat eine neue Beilage: den „Gentlemen’s Report“. Er wird sich, so das Editorial der ersten Nummer, den „nicht ganz so zentralen, aber umso kniffligeren Fragen der Lebensart“ widmen. Nicht ganz so zentral wie diejenigen, die Karriere und Vermögen betreffen. Aber immerhin. Was nun versteht der GR unter Lebensart? Was stellt die für Fragen? Und weshalb sind sie knifflig?

GR bietet nach eigener Aussage einen „stilsicheren Blick auf die Aspekte des kultivierten Lebensstils“. ‚Stil’ tritt in diesem kurzen Teilsatz zweimal auf; es scheint ein Schlüsselwort zu sein. Stil – ursprünglich von jenem Stilus, jenem Griffel abgeleitet, mit dem die Römer auf ihren Wachstäfelchen schrieben – ist zunächst ein ästhetischer Begriff. Er meint die Form, die der Schreibende seiner Hand gemäss den Buchstaben auf seiner Tafel gibt, also die ganz besondere, im Idealfall einmalige Weise, in der ein Individuum ein so Allgemeines wie die Schrift gestaltet. Von ihr her weitet sich der Begriff auf sämtliche Gegenstände und Sachverhalte des täglichen Lebens aus, mit denen dieses Individuum in Berührung kommt und denen es gleichsam seine Handschrift aufprägt. Schreibart führt zu Lebensart. Damit verwandelt sich der ästhetische Begriff unmittelbar in einen gesellschaftlichen. Wer seinem Leben eine unverwechselbar individuelle Form zu geben weiß, vermag sich damit von allen übrigen Individuen seiner sozialen Umgebung zu unterscheiden, seine Individualität durchgängig zu objektivieren und sie so zu einem Symbol möglicher, aber nur für ihn wirklicher Allgemeinheit zu machen. Damit verwandelt sich der gesellschaftliche Begriff unmittelbar in einen politischen. Stil beruht auf Wissen, auf für ihn verwertbaren Kenntnissen in „Technik, Sport, Mobilität, Mode, Reisen, Gesundheit, Wohnen, Design, Finanzen, Uhren, Genuss sowie Kunst und Kultur“. Er ist, wie Plato sich ausdrücken würde, eine Kunst (τεχνη) und keine bloße Übung (εμπειρια). Diese Kunst muss erlernt werden. Wer sie erlernen will, muss Zugang zu den gesellschaftlichen Prozeduren und Institutionen haben, die sie vermitteln und einüben. Damit verwandelt sich der politische Begriff unmittelbar in einen ökonomischen. Denn: Wer die Kenntnisse besitzt, die ihm einen „stilsicheren Blick auf die Aspekte des kultivierten Lebensstils“ verschaffen, muss auch die Mittel haben, sich die Gegenstände zu beschaffen und die Sachverhalte einzurichten, in denen dieser Lebensstil sich ausdrückt. Ihn interessieren folglich „die Macher von nützlichen und zeitgeistigen Produkten oder Dienstleistungen“. Soweit die Macher des GR, Jeroen van Rooijen und Reto Caprez, „Spiritus rector und Stratege hinter der Idee des Gentlemen’s Report. Geschäftsführer und Inhaber von ALFERANO, dem Schweizer Marktführer für Maßkonfektion“.

Nun und? Ökonomisch und/oder politisch herrschende Klassen haben zu allen Zeiten versucht, ihre Herrschaft durch eine beeindruckend ausschließende Ästhetik der Macht zu dokumentieren und zu repräsentieren. Das scheint eine kulturgeschichtliche Konstante menschlicher Gesellschaftsbildung zu sein. Was sollte das europäische Bürgertum von ihr ausnehmen? Die historisch einmalige Tatsache, dass diese Klasse sich nicht als Klasse, sondern als Verwirklichung und Verkörperung des Menschen überhaupt versteht, den sie zu ihrem Konzept wie zu ihrem Programm macht und den sie damit seinem Begriff und seiner Praxis nach erst erfindet. (Erst mit der Aufklärung ist, einer Bemerkung Hegels zufolge, vom Menschen die Rede.) Damit gerät diese Klasse in einen eigentümlichen Widerspruch mit sich selbst. Einerseits muss sie sich gemäss ihrem Selbstverständnis in allen ihren Selbstdarstellungen als Inbegriff und Vertreterin menschlicher Gesellschaft überhaupt präsentieren; andererseits verliert sie, indem sie sich in derartiger Allgemeinheit repräsentiert, eben dasjenige Moment ihres Stils, das ihn zu ihrer Selbst-Identifikation tauglich macht: die soziale, politische, ökonomische Differenz, die er als Material zur Selbst-Darstellung anbietet. Das europäische Bürgertum hat wie bekannt diesen Widerspruch dadurch bewältigt, dass es seine Repräsentation in zwei Stile aufgespaltet hat: den öffentlich allgemeinen und den privat besondernden, das weite und vielfältige Reich der ‚feinen Unterschiede’, die Bourdieu so eingehend beschrieben hat. Weshalb fängt es nun an, diese Bewältigung in Frage zu stellen, indem es sein Privates öffentlich macht? „Mit Autos, welche das Beste zweier Welten vereinen [...]; mit Uhren, die weder analog noch digital sind, sondern beides“?

Seit Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts öffnet sich in den west- und mitteleuropäischen Gesellschaften sowie in den USA die Einkommensschere wieder. Wie weit zeigen die aktuellen Vermögens-Verhältnisse: „0,1 Prozent der bundesdeutschen Haushalte besitzen 22,5 Prozent des gesamten Vermögens im Land. Das reichste eine Prozent kommt auf 35,8 Prozent, also mehr als ein Drittel. Die Top 10 Prozent besitzen schon zwei Drittel, während für die gesamte untere Hälfte gerade mal 1,4 Prozent bleiben [...] 43 Prozent des gesamten Nettovermögens von US-amerikanischen Privathaushalten konzentrieren sich beim reichsten Prozent der Bevölkerung und 83 Prozent bei den reichsten 10 Prozent.“ (Nicola Liebert, Fataler Reichtum. „Le monde diplomatique“ vom August 2012) Das Kapital trifft keinerlei Anstalten, diesen Prozess zu verlangsamen oder ihn gar umzukehren, im Gegenteil: es beschleunigt und nährt ihn. Das zeitigt zwangsläufig soziale, politische und kulturelle Folgen, mit denen das Kapital rechnen, die es beherrschen muss, will es nicht an seiner eigenen Maximierung Schaden nehmen.

Die Lösung dieser schwierige Aufgabe muss widerstreitende Interessen aufeinander beziehen und miteinander ausgleichen. Der prinzipielle Gegensatz zwischen den Besitzern der Produktionsmittel, gleichgültig ob Sach- oder Geldwerte, und denjenigen, die von diesem Besitz ausgeschlossen sind und folglich ihre Arbeitskraft zu Markte tragen müssen, wird sich im Lauf der oben angesprochenen Entwicklung nicht ent-, sondern verschärfen. Diesen es fundierenden Klassen-Antagonismus verdeckt und überbrückt das Kapital erstens mit den Instrumenten und Prozeduren der bürgerlichen Demokratie, ohne ihn damit freilich aufzuheben. Stehen irgendwo Massen-Entlassungen zwecks Erzielung höherer Renditen und Dividenden an, bleiben das Versammlungsrecht, das Koalitionsrecht, das Petitions- und Interpellationsrecht, sogar das Streikrecht solange gewahrt, bis sie beziehungsweise ihre Subjekte sich erschöpft haben und das Eigentumsrecht in sein volles Recht eintritt. Zweitens sucht das Kapital den Klassen-Antagonismus, auf dem sein Erfolg beruht, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Einrichtung einer Konsum-Gesellschaft zu beschwichtigen, die dem Verkäufer von Arbeitskraft seine wirkliche ökonomische Lage verschleiert oder mindestens versüßt und darin zusätzlichen Profit zeitigt. Diese Strategie ist seit dem Ende des vergangenen Jahrhunderts in Umgestaltung begriffen. Zum einen ist mit dem Wegfall des realen Sozialismus auch die von ihm verursachte soziopolitische Beißhemmung des Kapitals weggefallen, so dass es nun austesten kann, wie weit, bis wohin sich die Kosten von Sozialstaat und Konsumgesellschaft minimieren lassen. Zum anderen ist die für den Erhalt der traditionellen Konsumgesellschaft notwendige Massen-Produktion angesichts der Konkurrenz aus den Schwellen- und Transform-Ländern in alten Industriestaaten wie der Schweiz nicht mehr rentabel. Und schließlich verlangen die Bezüger hoher Einkommen und die Besitzer weiter wachsender Vermögen einen eigentümlichen Konsum-Stil, der ihre gesellschaftliche, will sagen: finanzielle Sonderstellung symbolisiert und nach außen repräsentiert. „Gentlemen’s Report“ bietet ihn an. Fassen wir zwei Beispiele aus dem GR Nr. 4 näher ins Auge.

Beginnen wir mit der „Berliner Zigarre“. So nannte der Volksmund in der zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die schmalen und schnellen Autoboote für die Spree und die um Berlin liegenden Seen. „Der gut betuchte Berliner hatte ein Autoboot, zur sonntäglichen Ausfahrt zu See.“ (S. 47) Mit einem Mercedes- oder Maybach-Motor, was deutlich macht, dass ein solches Boot schon damals Status-Symbol hohen und höchsten Einkommens war. Was von dieser Sonntags-Flotte heute noch übrig ist, wird jetzt aufwändig restauriert. „Unsere Leute drehen jede Schraube von Hand hinein, auch wenn es mit der Maschine schneller ginge.“ (Ebd.) Das ist zwar technisch und ökonomisch unsinnig, aber symbolisch und politisch höchst sinnvoll. Ein konsequent von Hand hergestellter Konsum-Gegenstand fällt aus dem Kontinuum der Ware heraus und in die Sphäre der zünftigen Handwerks-Produktion zurück, in der er vor allem als persönlich notwendiges Gut gilt, während der Waren-Charakter noch unentwickelt in ihm schlummert. Dieser Kategorien-Wechsel des Konsum-Gegenstandes wirft seinen Schein auf dessen KonsumentInnen und trägt so dazu bei, ihre besondere Position im sozialen Kontinuum kenntlich und deutlich zu machen. „Im Zweiten Weltkrieg wurden viele dieser Schmuckstücke versenkt“, der Rest ist teilweise von den Russen abtransportiert worden (ebd.). Während andere Waren, die an zünftig hergestellte Güter zu erinnern oder sie zu imitieren suchen, deren individuelle Gestaltung und kleine Menge künstlich herbeiführen müssen (durch wählbare Ornamentik und willkürliche Beschränkung), erfüllt die ‚Berliner Zigarre’ beide Bedingungen als Ideal eines neofeudalen Repräsentations-Stücks auf unwillkürlich gegebene, weltgeschichtlich verursachte Weise. (Der Preis spielt selbstverständlich eine höchst nebensächliche Rolle, aber er reflektiert die Bedeutung seines Betreffs: „Wer so ein Boot kaufen möchte, kann [...] dafür schon mal 400 000 Euro bereithalten.“ (Ebd.))

Nun zum zweiten Beispiel, einem ganzseitigen Inserat ganz zu Anfang der No. 4. „Ein besonderer Moment seltener Schönheit“, hebt es an, in Fettdruck und in Versalien. Denn: „Es gibt Momente, die für die Ewigkeit bestimmt sind.“ Was für welche zum Beispiel? „Der erste Blick auf das neue BMW 6er Gran Coupé.“ Der Eindruck, der erzielt werden soll, ist derselbe wie bei der ‚Berliner Zigarre’: Was Sie hier vor sich sehen, meine Damen und Herren, ist keine Ware, kein industriell hergestelltes Massen-Produkt im üblichen Serien-Sinn, sondern ein absolut besonderes Einzelnes, das die Wahrnehmung seiner Einzelnheit bestätigt und verstärkt, je länger Sie es betrachten (trotz des verräterischen Wörtchens „neu“, das zu verstehen gibt, es habe einen alten BMW 6er Gran Coupé gegeben und es werde irgendwann einen noch neueren geben). Die ästhetisch-rhetorische Maschinerie, die diesen Eindruck produziert, ist jedoch eine andere.

Ein Moment, der für die Ewigkeit bestimmt ist, bedarf einer Stimmung, die ihn aus der Zeit als dem endlosen Ablauf der Zukunft in die Vergangenheit heraussprengt. Er bedarf der Erinnerung an und in eine andere Zeit, die ihren Fortgang in einen Wiederholungs-Kreis zusammenschließt und so die ablaufenden Augenblicke in einem unendlichen Moment reiner Gegenwart aufhebt. „Hier ist nun [...] die Rede angekommen“ bei „jener [...] Art des Wahnsinns (μανια)“, von welcher derjenige ergriffen wird, „der bei dem Anblick der hiesigen Schönheit jener wahren“ (Platon, Phaidros, 249d) sich erinnert, die aus einem schlicht neuen Auto jenen BMW 6er Gran Coupé macht, dessen Erhabenheit über alle Serienprodukte schon beim ersten Blick in die Augen springt: „Denn das Gesicht ist der schärfste aller körperlichen Sinne.“ (Ebd. 250d) Ob der BMW 6er Gran Coupé tatsächlich technische und ästhetische Eigenschaften besitzt, die ihn so hoch über seine Serien-Geschwister erheben, ist unerheblich; erheblich ist nur, dass er seinem Käufer und späteren Besitzer jenen wiederholbaren Eindruck verschafft, den der für ihn geschriebene Werbe-Text evoziert. (Nicht unbegrenzt wiederholbar. Er nutzt sich ab. Dann wird es Zeit für die nächste Generation des BMW 6er Gran Coupé.)

Die Güter, die der „gentelman’s report“ seinen Lesern als stilbildend und diesen Stil repräsentierend nahe legt, sind im doppelten Sinn symbolisch. Sie symbolisieren einerseits ihre Herkunft aus einer technischen oder ästhetischen Sphäre, die sich von derjenigen der heute auf dem Markt gängigen Waren streng scheidet und so einen eigentümlichen Wahrnehmungs-Raum für die aus dieser Eigentümlichkeit sich herleitende Repräsentations-Macht eröffnet. Andererseits teilen sie diese (atmo)sphärische Besonderheit ihren Besitzern mit und symbolisieren sie so zu Individuen, die an den herrschenden gesellschaftlichen Interaktionen zwar intensiv teilnehmen, zugleich aber außer und darin über ihnen stehen.

Für die Jahres-Einkommen beispielsweise eines Brady Dougan (71 Mio. Fr.) oder eines Daniel Vasella (20 Mio. Fr.) gibt es keine politisch ökonomisch rationale Erklärung oder gar Rechtfertigung. Das wissen die Betroffenen sehr wohl. Also gilt es, als Ersatz einen sinnlich symbolischen Diskurs zu entwickeln, der weder erklärt noch verteidigt, der überhaupt nicht argumentiert, sondern darstellt und durch Darstellung beeindruckt. So werden die äußeren und inneren Augen, die Wahrnehmungen und Empfindungen, die Begriffe und Praktiken der übrigen Mehrheits-Gesellschaft allmählich daran gewöhnt, dass mitten unter ihnen eine auserwählte, sich auserwählende Gruppierung über ihnen schwebt wie ein Deckengemälde, dessen Schönheit man bewundern darf, aber nicht rechtfertigen muss. Das ist Neofeudalismus.

Präzisierender Nachsatz: Dieser Feudalismus hat nichts mit demjenigen gemein, der „ungefähr von der Mitte des 9. Jahrhunderts bis in die ersten Jahrzehnte des 13.“ sich in (West)Europa erstreckt. Er beruht „auf Beziehungen der persönlichen Abhängigkeit“ und knüpft „Schutzbande, die den Menschen an den Menschen binden“ (Marc Bloch). Der Feudalismus, dessen Grundzüge und Absichten wir hier skizziert haben, beruht vielmehr auf dem Versuch, einer „funktional differenzierten Gesellschaft“ eine „stratifizierte, hochkultivierte Gesellschaft“ (Luhmann) zu implantieren, vergleichbar dem Feudalabsolutismus des 17. Jahrhunderts. Die beiden prinzipiellen Differenzierungs-Funktionen heutiger bürgerlicher Gesellschaft bleiben unangetastet bestehen: die ökonomische des Gegensatzes zwischen Besitzern und Nicht-Besitzern des Produktions-Apparates einerseits und die politische der Rechtsgleichheit aller Bürgerinnen und Bürger (one man, one vote). In diesem Rahmen soll mit Hilfe wahrnehmungstechnischer und kultursymbolischer Strategien ein Schichten-Modell aufgebaut werden, das ökonomische und politische Privilegien naturgegeben und damit selbstverständlich erscheinen lässt, so dass die unteren Schichten stets überzeugt sind, „dass sie sich nicht im entferntesten mit uns“ – den oberen – „vergleichen können“ (Aus dem Protokoll des Adels bei den französischen Generalständen von 1614).





hf | 6. August 2012

crimes de guerre

Nombreux sont les journaux qui évoquent à nouveau ces jours-ci les crimes de guerre, die Kriegsverbrechen. Diese werden nun nicht nur von der regierungstreuen Armee Assads begangen, sondern auch von den Rebellen, wie Beobachter vor Ort (Syrien) letztlich bestätigten.

Unterschwellig vermitteln die Begriffe Kriegsverbrechen oder crime de guerre die Idee, es gäbe auch einen Krieg ohne Verbrechen, es gäbe gar gute und böse Kriege-r, une guerre qui ne serait pas un crime en soi, einen gerechten Krieg sozusagen, im Sinne der Genfer Konventionen.

Zumindest können Armeen und Rüstungsindustrien unter dieser Prämisse weiterhin auf legalem Boden florieren, während man mit speziell ausgesuchten Vokabeln hantiert und agiert, mit Worten die existieren, weil Kriege halt geführt werden und zumindest innerhalb ihrer selbst eine rechtliche, benennbare Ordnung geschafft werden muss.

Selbstverständlich ist in diesem Hinblick z.B. der IStGH (internationale Gerichtshof) positiv und nützlich, um internationale Kriegsverbrecher individuell vor Gericht zu stellen, in Anbetracht der vollzogenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Leider führen Krieg überwiegend per se solche Verbrechen mit sich, weshalb sich die Frage stellt, inwiefern Krieg allein nicht schon ein Verbrechen ist, dh. il n’y a pas de crimes de guerre, mais : LA GUERRE EST UN CRIME . Nur gäbe es dann zu viele offizielle Kriminelle, nämlich alle, die irgendwie im Dienst der Kriegsmaschinerie stehen.





sr. | 5. Juli 2012

Packen wir‘s mal philosophisch an:

Gott ist nichts anderes als der Tod. Das Wort Gott, der ganze Nacht- und Tagtraum eines Vaters im Himmel war immer schon nichts als ein fantastisch tröstlicher Euphemismus der Todestatsache. Und der Teufel ist der Verräter, der diese Wahrheit ausplaudert. Klar, die Vorstellung, dass es keinen Gott, sondern nur den Tod gibt, ist für viele die Hölle. Die Schlange, der Teufel, Judas, diese negative Aufklärerrolle, diesen Verräter hats in unseren Weltdeutungsmärchen drum immer zwingend gebraucht. Als ob die unerschrocken Klugen nicht sowieso von selbst drauf kämen. Aber die Ängstlichen brauchen dieses Bild eines Sündenbocks, Spielverderbers, Feindes, Fremdlings, Nestbeschmutzers, der allein das Märchen vom Paradies, von Gott, von der auserwählten Nation kaputt macht. Immerhin: Gott, Teufel und Sündenböcke zu erfinden und über Jahrhunderte bei Konzilen und Albisgüetli-Tagungen bunt auszumalen, das ist ein Akt der Kreativität, verschafft Deutungshoheit und erklärt die unschlagbare Anziehungskraft dieses politischen Prinzips. Zudem ist Kreativität und Schöpfungsdrang zugegeben der stärkste Antipode des Todes. Aber die mutige Kreativität stellt sich und verneigt sich in ihrem Spiel vor dem Tod. Die kitschige, totalitäre Kreativität verleugnet den Tod, pflegt das Happy end, die Heimatidylle, den Schlager, die reine Natur, das reine Volk, sucht den Stillstand, sucht unzerstörbare Werte, sucht das ewige Reich, den Auserwähltheitsgedanken, den Sonderfall. Diese Kreativität wandert Hand in Hand mit dem Aberglauben. Unglücklich das Land, das von Abergläubischen regiert wird. Es will kindisch bleiben, an göttliche Unsterblichkeit glauben und wird doch in Wirklichkeit keine 800 Jahre alt.





Mm. | 4. Juli 2012

›Zustimmung aus der Restschweiz‹

Als Beobachter des journalistischen Sprachgebrauchs liebe ich es, in Artikeln neue Wörter zu entdecken. So geschehen im Tages-Anzeiger vom 3. Juli 2012. In der Berichterstattung über den Fluglärm-Staatsvertrag befleissigt sich das Blatt, zwischen der Region Zürich und der ›Restschweiz‹ zu unterscheiden. Eine ganz neue Art, die Geographie des Landes zu betrachten. Die Restschweiz kommt in dem Artikel übrigens nicht ganz gut weg: Sie will den Unique Airport nutzen und damit Greater Zurich belasten, aber sie will nichts von dem entstehenden Lärm über ihren eigenen Köpfen dulden.
Das ist unsolidarisch! Vielleicht wäre die gerechte Strafe dafür, dass die Bewohner der Restschweiz fortan Restschweizer hiessen? Dass sie einen eigenen Schweizerpass bekämen, mit einem leicht verwässerten Rot und etwas kleinerem Kreuz? Mir wäre es recht. Als geborener Bewohner der Restschweiz, als Restschweizer Eingeborener gewissermassen, bin ich das Bestraftwerden durch die Zentrumsmenschen gewohnt: Sie fahren mir vor der Nase durch, sie überlassen mir ihren teuersten Müll zur Endlagerung, sie möchten, dass ich neben meinem Rübenfeld Atome spalte, damit sie auf dem heissen Uptown-Pflaster von Greater Zurich ihre Klimaanlagen betreiben können wie die Bewohner der Restschweiz ihre Gemüsegärten. Wenn das kein Deal ist. Mit meiner Zustimmung darf gerechnet werden.





gk | 27. Juni 2012

Scheinasylanten

Ein Journalist schrieb am 20. Oktober 1988 in der damaligen «Weltwoche»:

(...) Noch vor einigen Jahren waren es «Flüchtlinge». Als ihrer immer mehr wurden, begann man sie «Asylanten» zu schimpfen. Als sie unwillkommen wurden, erhielten sie die Etiketten «Scheinasylant» oder «Wirtschaftsflüchtling». Ursprünglich eine Sprachregelung der nationalistischen und fremdenfeindlichen Kreise, gingen die Begriffe ein ins Vokabular der Politiker und der Behörden. Die negativen Wertungen wurden salonfähig: «Asyltouristen», «betrügerische Asylsuchende», «kriminelle Elemente». Das Angst einflössende Wort «Asylantenflut» verwenden mittlerweile auch Magistraten, ohne auf die Relationen hinzuweisen: Die auf einen Entscheid wartenden rund 25 000 Menschen machen weniger als vier Promille der Bevölkerung aus. Zusammen mit allen in unserem Land lebenden anerkannten Flüchtlingen (32 000) sind es immer noch weniger als ein Prozent. Derweil üben sich Verwaltung und Behördemitglieder nachgerade darin, neue «Rekordzahlen» von Asylsuchenden zu vermelden, ohne zu vergleichen: Während des Zweiten Weltkriegs lebten unter viel schwierigeren Bedingungen rund 120 000 Flüchtlinge in der Schweiz, fast drei Prozent der damaligen Bevölkerung. (...)

Dem gibt es bis heute wenig beizufügen. Ausser dass der Journalist, der das damals schrieb, Urs Paul Engeler heisst.





sr. | 25. Juni 2012

Demographischer Vorschlag

Für jeden ausgewanderten Rentner bürgert die Schweiz einen Flüchtling ein. Die wollen wenigstens hier leben.





Mm. | 25. Juni 2012

Erinnerungen an ein Abbruchhaus

Wenn ich meine Socken stopfe, statt neue zu kaufen, wenn ich meine Hemden selber wasche und nicht alle zwei Wochen zum Friseur gehe, wenn ich kein Fitnessabo und kein Motorrad besitze, um Wochenende für Wochenende über die Schweizer Pässe zu donnern, wenn ich es vermeide, im Stinkflieger der Billigairline nach Teneriffa zu reisen, wenn ich nicht zweimal täglich dusche und den Abfall trenne, wenn ich kein Shopping-Weekend in New York buche, Wasser spare, keine Pornos schaue, nicht jährlich einen neuen Computer, ein neues Handy und das aktuellste Automodell kaufe, wenn ich abstossend lange denselben Drucker, dasselbe Telefon verwende, wenn ich die Früchte in der Fruchtschale lieber esse, als sie verfaulen zu lassen, kein Fleisch konsumiere, mir nicht jeden noch so dummen Blockbuster ansehe und wenig Wohnraum beanspruche, dann bin ich WIRTSCHAFTSFEINDLICH.
Weil ich wirtschaftsfeindlich bin, verhindere ich zu unser aller Schaden beispielsweise, dass Kinder als Baumwollpflücker schuften, dass Billigstarbeiter meine Jeans bleichen und dabei Gewässer vergiften, dass junge Ugander unter ruinösen Umständen Platin schürfen, dass Tiere in enge Transporter gepfercht kreuz und quer durch Europa gekarrt werden und oft noch vor der Schlachtung ersticken.
Indem ich mich wirtschaftsfeindlich verhalte, verhindere ich fahrlässig, dass Berggebiete in Bangladesh sich entvölkern, dass die Tierzucht einen Drittel des Wasserbedarfs gewisser Gebiete verschlingt und dass unnütze Autobahnabschnitte gebaut werden, um dann gähnend leer zu bleiben.
Ich erinnere mich, dieses prächtige Wort, unter dem ich mir sofort sehr viel vorstellen konnte, Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal gehört zu haben. Es wurde als Totschläger benutzt, um innovative Ideen zu bodigen. Unter anderem sollte es der automobilen Welt die Katalysatorpflicht ersparen, kontraproduktive Umfahrungen durchboxen und den Widerstand gegen ein Autobahnteilstück abwürgen, das mitten durch Naturschutzgebiete am Neuenburgersee führt, ein Stück Asphalt, das bis heute kaum benutzt wird. Den Regionen, die sich von ihm einen Aufschwung erhofft haben, hat es ausser etwas Lärm und ab und zu einer Motorradgang, die sich verfahren hat, absolut nichts gebracht.
Politiker, die das Wort wirtschaftsfeindlich verwenden, erwarten von mir, dass ich ›die Wirtschaft‹, die meine Atemluft verpestet, meine Ersparnisse verschleudert, vor meinen Fenstern die letzten Grünräume verschandelt und mich mit Werbung für sinnlose Produkte bombardiert, als meinen FREUND betrachte. Heute drückt man sich etwas sensibler aus als zu Beginn der 90er Jahre. Heute nennt man Freund und Feind nicht mehr beim Namen. Heute sagt man: ›Wer dieser und jener Meinung ist, ZERSTÖRT ARBEITSPLÄTZE.‹
Tja, wer will schon Arbeitsplätze zerstören? Man denkt an brave Familienväter, die nach Hause kommen und sagen: ›Man hat mir gekündigt.‹
Zu Beginn jener 90er Jahre lebte ich am Existenzminimum, konkreter gesagt: in einem alten Abbruchhaus, von denen es heute keine mehr gibt, weil sie längst alle abgerissen sind, um gesichtslosen Wohnüberbauungen Platz zu machen. Auf der Haustür wollte ich eine Inschrift anbringen: ›Ich bin eine WIRTSCHAFTSFEINDLICHE TÜR, denn ich hänge hier seit sicher siebzig Jahren unaufgefrischt in den alten Angeln.‹ Ich mochte diese von vielerlei Gebrauchsspuren gezeichnete Tür, obgleich sie keinen Schutz vor dem Verkehrslärm bot – sie war ja lange vor der allgemeinen Motorisierung von Hand gezimmert worden.
Zu der Inschrift ist es nie gekommen, denn kurz nachdem ich Farbe und Pinsel besorgt hatte, war ich als Schädling auch schon aus der unrenovierten Altwohnung entfernt worden. Das Haus musste weg und mit ihm ich, der ich darin so wenig zum Bruttoinlandprodukt der Schweiz beitrug. ›Die Wirtschaft‹ bzw. ihre Entscheidungsträger hatten vor, Verantwortung wahrzunehmen und an dem Platz, wo das Abbruchhaus stand, etwas Fortschrittliches hochzuziehen, das Prosperität versprach. Ich kann mich nicht mehr erinnern was. Ein Logistikzentrum vielleicht, eine Go-Kart-Bahn, einen Spielsalon oder ein Altenheim. Heute boomt an dieser Stelle ein CO2-neutrales Reisebüro, in einem Gebäude, das seine Insassen bestimmt mit kontrollierter Belüftung verwöhnt. Von aussen betrachtet gleicht es einer jener Lunchboxes, wie sie in den frühen 90er Jahren verwendet wurden, um möglichst kalorienarm und doch wirtschaftsfreundlich den PRIVATEN KONSUM anzukurbeln.





sr. | 25. Juni 2012

Schweizer Präzisionsarbeit in Ton und Bild

Der Aufwand, die Drastik und der moralische Suizid der Schweiz steht in keinerlei Verhältnis zum dadurch angeblich abgewendeten Unheil.

Zwei Videos, die angesichts der verschärften Flüchtlingsgesetze in möglichst breiter Erinnerung bleiben wollen:

Schweizer Präzision

Damals vor einem Jahr





bm. | 16. Juni 2012

Die Bildung der Kühe

Zitat Anita Fetz aus der Bildungsdebatte im Ständerat vom 14. Juni 2012:
"Der Bund gibt für jede Kuh 60'000 Franken aus - und für jeden Studenten 20'000."

So wären die Relationen hergestellt.
Schade nur, dass diese teuren Kühe kein Swiss-Label erhalten, weil sie 85% ausländisches Sojafutter fressen und somit die Vorgabe der Agrarlobby (80% Swissness) nicht erfüllen. So will es jedenfalls die Debatte aus der Sommersession 2012.





bm. | 15. Juni 2012

Der Missbrauch als Norm

Die Ratsdebatte zum Asylgesetz hat dem Begriff der Missbrauchsgesetzgebung Nachachtung verschafft.
Wikipedia schreibt zum Begriff Recht: "Im heutigen Sinne bezeichnet Recht meist ein System von Regeln mit allgemeinem Geltungsanspruch, das von gesetzgebenden Institutionen geschaffen und nötigenfalls von Organen der Rechtspflege durchgesetzt wird (objektives Recht)." Damit wird eine allgemein gültige, positive Norm geschaffen, die gegebenenfalls von strafrechtlichen Sanktionen ergänzt wird.
Das schweizerische Parlament will bei der Asylgesetzgebung von solcher Formulierung der Rechte eines Menschen indes nichts wissen und verlegt sich stattdessen gleich auf die Formulierung der Missbrauchsnorm mit strafgesetzlichem Anstrich.
Es handelt sich dabei gewissermassen um die MISSBRAUCHSgesetzgebung einer SCHEINlegislative.

PS: Spielen wir das doch beim Strassenverkehrsrecht durch - jeder Autofahrer ist alkoholisiert, sofern ein Test nicht einen Promillefaktor unter 0.5 anzeigt.

PPS: Lukas Bärfuss zum Thema im Tagi





sr. | 8. Juni 2012

Liebe Eidgenossen und Eidgenossen,

Flucht ist ein Zeichen von Schwäche. Schwäche dulden wir nicht. Man muss zu seinem Heimatland stehen, für sein Heimatland kämpfen, oder sterben. Flüchtlinge tolerieren wir in der Schweiz deshalb grundsätzlich nicht. Die müssen ausgeschafft werden, und wem diese Politik nicht passt, der soll gehen! Schon höre ich notorisch Gelehrte einwenden, es sei ein Widerspruch, wenn wir Flüchtlinge auffordern, zuhause für ihre Heimat zu kämpfen, aber gleichzeitig unseren eigenen Kritikern diesen heimischen Kampf verwehren.

Nur auf den ersten Blick, liebe Eidgenossen und Eidgenossen. Der Unterschied zwischen dem Ausland und dem Inland: hier gibt es nichts zu bekämpfen! Die Schweiz ist reich. Wer gegen den Reichtum in unserem Land kämpfen will, kann kein Mensch und erst recht kein Schweizer sein. Der soll meinetwegen sein Heimatland dort suchen, wo man den Wohlstand verschmäht.

Liebe Eidgenossen und Eidgenossen, es ist bekannt. Die Titanic-Überlebenden in den Rettungsboten haben Ertrinkende ins kalte Wasser zurückgestossen. Instinktiv. Linke und nette Historiker kritisieren das gerne mit oberlehrerhafter Attitüde. Ich aber sage euch: man kann die urmenschlichen Überlebenstriebe nicht mit erhobenem Zeigfinger anprangern, ohne auch Gott, unseren Schöpfer, anzuprangern. Überlebenstrieb ist gottgegeben! Den Überlebenstrieb der Schweiz anzuprangern, liebe Eidgenossen und Eidgenossen, ist Blasphemie! Nichts weniger!

Wenn es Überlebende geben soll, muss es auch Ertrinkende geben.

Was ich damit sagen will: ganz Europa wird uns unser Überleben eines Tages danken, so wie heute schon die ganze Schweiz ihrem Wirtschaftskader dankt, so wie alle Bürger dieses Landes unseren Milliardären dankbar sind, von denen sie tagtäglich und unermesslich profitieren. Kämpfen wir also weiterhin entschlossen für die Freiheit unserer Bankdirektoren, gegen kriminelle Ethnien, für die Freiheit unseres Volkswillens, gegen die anmassende Architektur gewisser Religionen, für die Freiheit unserer Rüstungsindustrie, gegen die europäische Geographie, für die Freiheit unseres Frankens und gegen das internationale Völkerrecht! Tod allen, die diesen Kampf nicht wollen, denn wahrlich, ich sage euch:

„Wer in dieser Welt des ewigen Ringens nicht kämpfen will, der ist des Lebens nicht wert“.

Liebe Eidgenossen und liebe Eidgenossen! Mit diesem denkwürdigen Wahlspruch aus dem Bestseller „Mein Kampf“ wollen wir uns heute für die Zukunft wappnen. Es herrschen stürmische Zeiten in Europa, da heiligt der Zweck die Mittel. Auch faschistische Mittel, liebe Eidgenossen und Eidgenossen. Vor allem, wenn man das Gute in diesen Mitteln zu bewahren weiss und das verhasste Deutsche in ihnen verwirft.

Erst wenn wir die politisch korrekten Mädchenröcke ausziehen und uns klar und deutlich bekennen, erst dann können auch die letzten Nicht-Uns-Wähler ihre Hemmungen ablegen. Erst dann können wir unsere innerste Heimatliebe tabulos zu Ende denken.
Fürchtet euch nicht vor euch selbst, liebe Schweizer! Ein eidgenössischer Faschismus kann nur ein guter Faschismus sein. Ein Faschismus mit der Perfektion einer Schweizer Uhr eben, kurz: ein demokratischer Faschismus. Hier regiert kein Führer, hier regiert das Volk!
Das Recht der Mehrheit. Die Mehrheit will gute Löhne, einen ruhigen Feierabend ohne kulturelle Provokationen selbsternannter Künstler und Steuergeld-Schmarotzer, ohne fahnenflüchtige Nordafrikaner im Schrebergarten. Diese Mehrheit will gute Luft, eine starke Politik, eine schöne Aussicht und last but not least: weltgeschichtsverschonte Städte und Schulzimmer. Auf dass unsere Jugend fern von Burka und Euro aufwächst… aber: liebe Eidgenossen und Eidgenossen, wir wollen uns gar nicht so lange bei den Details aufhalten: Macht, Überlegenheit und geschlossene Grenzen sind die einzigen Existenzmöglichkeiten der Schweiz. Alles andere ist romantische Schwärmerei und in aller Form zu verwerfen. Die Losung in den kommenden schweren Wirtschaftsjahren kann nur heissen: ein Volk, ein Land, eine SVP! Die Schweiz den Schweizern! Kauft nicht in Deutschland!





gk | 3. Juni 2012

Wirkungen der Kunst

Toni Brunner im Interview mit der Zeitung «Zentralschweiz am Sonntag» vom 3. Juni 2012

Künstlerinnen und Künstler neigen dazu, ihre eigene Wirkung zu unterschätzen. Gerade DokumentarfilmerInnen können eine enorme politische Wirkung entfalten, wenn sie es richtig angehen. Sie können beispielsweise unschätzbare Dienste leisten im Bereich Prävention und Abschreckung.

Während Künstlerinnen und Künstler jahrzehntelang als Nestbeschmutzer beschimpft wurden, wenn sie ihr Land im Ausland schlecht gemacht haben, ruft SVP-Parteipräsident Toni Brunner im Interview mit der Zeitung «Zentralschweiz am Sonntag» vom 3. Juni 2012 nun explizit dazu auf.

Brunner möchte nämlich nicht nur menschenrechtswidrige Internierungslager bauen lassen («ob das jetzt buchstabengetreu der EMRK entspreche oder nicht»), in die er auch Schwarzfahrer stecken will («denn diese sind vielfach Drogenkuriere»), darüber hinaus sollen über diese Lager abschreckende Dokumentarfilme gedreht werden, welche offensiv im Ausland promotet werden können: «Wie seinerzeit Christoph Blocher, der in Afrika Werbefilme laufen liess, um zu dokumentieren, dass die Schweiz kein attraktives Asylland ist.»

Hoffen wir, dass diese neue Aufgabe der Kunst rasch über die engen Parteigrenzen der SVP hinaus Akzeptanz findet. So würden nicht nur dem Schweizer Dokumentarfilmschaffen von unerwarteter Seite neue Mittel zufliessen, sondern es wäre auch eine reizvolle künstlerische Herausforderung: Filme zu drehen, die einerseits in Afrika als abschreckende Propagandafilme eingesetzt und anderseits als schonungslose Darstellung an internationalen Festivals ausgezeichnet werden können.





hf. | 24. Mai 2012

asin – absoluter sch-wa (.) h-nsinn

Die Tageszeitung « Le Courrier » vom 23. Mai 2012 teilt uns mit, die SVP wünsche die Auflösung der Vereinigung www.mesemrom.org, da diese sich für die Roma einsetze und das in Genf bestehende Bettelverbot hinterfrage, es über eine Petition gar abschaffen möchte, obwohl es doch erst seit einigen Jahren besteht. Es ist nicht verwunderlich, wenn die SVP in Lausanne parallel jene Initiative der FDP unterstützt, die den Beschluss des Lausanner Stadtrates, sich gegen die Einführung des Bettelverbotes in seiner Stadt auszusprechen, anfechtet und ebenso linientreu ist es, dass die SVP hinter der Initiative « Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz » (AUNS) steht, jener Initiative die da fordert, über Staatsverträge solle das Volk entscheiden können, um der direkten Demokratie gerecht zu werden, was per se ein sehr schöner Gedanke ist.

Dass nun die Neutralität schon längst, ungefähr seit der Entstehung der Schweiz, ein Alibiwort ist, steht ausser Zweifel. Ein Zweifel, den auch meine derzeitigen diversen, voneinander unabhängigen Lektüren über Waffenhandel und Prozesse im Zusammenhang mit den damaligen Vorgängen in Spanien oder den freundschaftlichen Gesinnungen des damaligen Bundespräsidenten Guiseppe Mottas zu General Franco nicht aufzuheben vermögen. Auch die Programmpunkte auf der Webpage der rechtsorientierten AUNS befreien mich nicht von meinem Unbehagen:

„Wir sagen, gegenüber wem und was wir uns öffnen wollen“.
...
„Wir verschliessen uns nicht gegenüber der Schaffenskraft, die bei uns Leistung erbringen will, gegenüber dem Wissen, das zu uns kommt, gegenüber jenen, die sich mit unserem Land identifizieren.
Wir verschliessen uns aber gegenüber all jenen, die als Profiteure zu uns kommen wollen“.

Damit schliesst sich der Kreis, das heisst, wir können zum Ausgangspunkt des Textes zurückkehren, denn natürlich wären oder sind die Roma oder ökonomisch schwache Immigranten oder Personen, die eine der Landessprachen nicht aussreichend beherrschen, in den Augen der AUNS und ihrer Sinnesgenossen und -genossinnen ebenso Profiteure, wie alle anderen, ausser jenen, denen die Mitglieder der AUNS sich öffnen wollen.

Die Krise, die Europa und den Euro momentan betrifft, kommt der Initiative, über die nun abgestimmt wird, sehr gelegen. Beinahe ist man geneigt zu denken, es wäre also doch richtig gewesen, der EU nicht beitreten zu wollen, denn nun seien wir wenigstens vor allem geschützt und geschont. Gleichzeitig wissen wir, dass rechtsradikale Positionen, wie sie im Programm der AUNS vertreten werden, in Krisenzeiten immer stark im Aufwind sind, so wie damals in Deutschland. Oder wie in Italien. Oder wie in Spanien. Oder wie...Man sollte sich also drei mal überlegen, ob es angebracht ist, der AUNS-Initiative zuzustimmen, auch wenn sie den Anschein vermittelt, als sei sie die Retterin und Verteidigerin der direkten Demokratie und Volksbelange.

Andererseits scheint man dennoch aus der Geschichte zu lernen, sagt mir ein Blick ins Nachbarland Frankreich, in dem Marine Le Pen immerhin nicht zur Präsidentin gewählt wurde, sondern Hollande, was einige Mitglieder der AUNS verärgert haben mag. Vielleicht hängt das Wahlergebnis damit zusammen, dass Frankreich zu EU gehört? Wie immer dem auch sei, das erwünscht sich die AUNS (oder die SVP) eben nicht, die Zugehörigkeit der Schweiz dazu, zur EU, wie es da über einen Zeilensprung hinweg auf ihrer Homepage zu lesen ist:

« Sie (gewisse Kräfte) behaupten, der EU-Beitritt sei unumgänglich. Dagegen kämpfen wir, die überparteiliche Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz AUNS
Zwar präsentiert sich die AUNS überparteilich und als freier Zusammenschluss recht offen, dennoch sollte man nicht übersehen, weiss man es nicht schon, dass 2004 der Schweizer SVP-Nationalrat und Unternehmer Dr. Pirmin Schwander das AUNS-Präsidium übernahm, das Christoph Blocher nur niedergelegte, weil er in den Bundesrat gewählt wurde.
Nun bin ich beinahe wieder beim Textbeginn, sollte ich mich gegen Ende immer noch fragen, wie ich ausgehend von einer Information im « Le Courrier » über die SVP zur AUNS gekommen bin, die man auf Französisch ASIN nennt, woraus sich ein Wortspiel ergibt, welches im Rahmen der Reimstruktur auf Ungereimtheiten innerhalb der politischen Landschaft hinweist, auch wenn diese Ungereimtheiten innerhalb ihrer selbst vollkommen logisch sind. Dieser Logik entziehe ich mich.





gk | 7. April 2012

Grass weigert sich

Trotz der scharfen Kritik an seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ weigert sich der 84-jährige Günter Grass als Schriftsteller zurückzutreten. Was für ein Demokratieverständnis pflegt dieser Mann?





gk | 1. April 2012

Der freie Markt spielt nicht

«Wir können nur Wirtschaftsgebiete dem freien Markt unterstellen, auf die wir notfalls auch verzichten können.» Sagte Christoph Blocher (laut Berner Zeitung vom 31.3.2012) am Jubiläumsfest zum 50. Geburtstag der Tierfutterfirma Hokovit. Eine eigene, produzierende Landwirtschaft sei unverzichtbar. Der Staat müsse eingreifen und helfen können. – Christoph Blocher ist unübertrefflich, wenn er aus dem Handgelenk die Welt definiert. Auf Wohnraum, Wasser, Nahrung, Kleidung, Bildung, Gesundheit können wir nicht verzichten. Wie kommt jemand dazu, diese Wirtschaftsgebiete dem freien Markt unterstellen zu wollen?





wmf | 29. März 2012

Die doppelte SVP

Ein Porträt

Sich von der SVP ein Charakterbild zu machen fällt nicht leicht. Diese Partei existiert gleichzeitig zweimal, und zwar so, dass die zweite die erste verbirgt und ihr ermöglicht, ihr Geschäft beinahe unbeobachtet und somit fast unbemerkt zu betreiben.
Beginnen wir mit der ersten, der realen SVP. Sie ist die Partei des Investment- und Spekulations-Kapitals, der Millionäre und Milliardäre vom Schlage der Blocher, Tettamanti, Ebner usf. Brauchen Millionäre und Milliardäre eine AHV? Nein. Brauchen sie eine IV? Nein. Brauchen sie eine Krankenversicherung? Nein. Brauchen sie eine Arbeitslosen-Versicherung? Nein. Brauchen sie ein Bildungs-System, das sich um Chancen-Gerechtigkeit mindestens bemüht? Nein. Brauchen sie ein Justiz-System? Ja. Damit alle gleich sind und gleich behandelt werden vor dem Gesetz, das Handels- und Gewerbe-Freiheit sowie das Recht auf Privateigentum garantiert, insonderheit dasjenige auf Privatbesitz an Produktionsmitteln und die Aneignung von mit ihnen produziertem Mehrwert als Profit. Brauchen sie dazu eine Polizei? Ja. Damit das Gesetz notfalls auch gegen diejenigen durchgesetzt werden kann, die von dem durch es garantierten Besitz ausgeschlossen sind. Daraus ergibt sich ein einfaches und konsequentes Programm: Größtmögliche Reduktion aller Sozialleistungen, ihr entsprechende Reduktion der direkten Steuern, allenfalls kompensiert durch indirekte Steuern und Gebühren, allmähliche, aber zügige Verwandlung des Sozialstaats in jenen „Not- und Verstandes-Staat“, gegen den sich schon Friedrich Schiller gewandt hat.
Nun ist klar: Eine Partei, die mit einem derartigen Programm bei Wahlen und Abstimmungen anträte, würde keine Dreißig-Prozent-, ja wahrscheinlich nicht einmal eine Drei-Prozent-Partei. Also muss diese erste und eigentliche Partei von einer zweiten, uneigentlichen maskiert werden, die in der öffentlichen Wahrnehmung die erste verdrängt: von der medialen SVP.
Eine solche Schein-Partei aufzubauen und in politische Tätigkeit zu setzen ist schwierig. Ihre Erfinder und Geschäftsführer haben diese strategischen und programmatischen Schwierigkeiten in einer Weise gelöst, der man die intellektuelle Anerkennung nicht versagen kann.
Worauf muss eine derartige Partei sich gründen? Auf die Entdeckung und Verbreitung eines Problems, das zu lösen die Partei sich anheischig macht und das niemand als sie zu lösen versteht. Form und Formulierung dieses Problems stellen jedoch hohe Anforderungen. Erstens: Es darf sich nicht um ein tatsächlich bestehendes Problem handeln, weil sonst bei der mit ihm anzusprechenden Zielgruppe eigene Alltags-Erfahrungen geweckt werden, die seine von der Partei zu schaffende Darstellung relativieren und damit schwächen können. Zweitens: Das Problem muss als lösbar erscheinen, gleichzeitig aber zu einer sich durch sich selbst generierenden Menge von Schein- bzw. Teillösungen Gelegenheit bieten, so dass es sich aus jeder scheinbaren Lösung erneuert und damit dauerhaft im Besitz der Partei bleibt. Drittens: Das Problem darf zwar in keiner erkennbaren Beziehung zum wahren Programm der realen SVP stehen, muss aber so beschaffen sein, dass seine Form und ihre Formulierung zugleich dessen Zielen dienen und sie fördern. Viertens: Die gesellschaftliche Gruppierung, an der das Problem konkretisiert wird, darf über wenig bis keine Möglichkeiten zur Korrektur des Bildes verfügen, das die mediale SVP von ihr zeichnet.
Das ist jedoch keineswegs alles. Denn wenn die Schein-Partei ein Schein-Problem gefunden hat, das den obigen Anforderungen genügt, steht sie vor dem Problem mit dem Problem. Probleme kommen nie ganz ohne Fassung in Begriffe, ohne Satz und Gegen-Satz, ohne Behauptung und Widerspruch aus. Sie bleiben bei aller noch so professionellen Verbildlichung und Klischierung im Kern abstrakt, fordern ein Minimum an logischem Aufwand und Nachdenklichkeit, was ihre Überzeugungs- und Ausbreitungskraft von Anfang an mindert. Sie stellen demgemäss einen Geltungsanspruch, dem sich ein anderslautender Anspruch jederzeit entgegenstellen kann. Probleme neigen dazu, gesellschaftliche Diskussionen auszulösen, in denen verschiedene Kontrahenten ihre von ihren jeweilige Problem-Bewusstsein geprägten Standpunkt vertreten. Das ist nicht im Sinne der medialen SVP. Sie will in der öffentlichen politischen Auseinandersetzung keine Rolle spielen, sie will deren Drehbuch schreiben und dessen Regie führen.
Was tun? Es gibt nur einen Ausweg, und die mediale SVP hat ihn beschritten: die Ersetzung des Problems durch das Ressentiment. Es verwandelt das Problem in den Steckbrief einer sozialen Gruppe, die das Problem nunmehr verkörpert, es allein verantwortet und folglich allein für seine Existenz zur Verantwortung gezogen werden kann. Jedes Mitglied der Gruppe haftet unmittelbar und vollständig für die ganze; die bloße Nennung seines Namens ruft alle Aversionen und Aggressionen wach, die mit dem Profil der Gruppe verbunden sind, der es angehört. Gründe und Gegen-Gründe, Geltungs-Anspruch und Gegen-Anspruch kommen nicht mehr in Betracht und fallen weg. Die Gruppe und ihre Mitglieder erscheinen nicht mehr als Gegner, mit dem man sich auseinandersetzen muss, sondern als Feind, den es unschädlich zu machen gilt. „Er ist eben der andere, der Fremde, und es genügt zu seinem Wesen, dass er [...] existentiell etwas anderes und Fremdes ist, so dass [...] Konflikte mit ihm möglich sind.“ (Carl Schmitt) Gegen den Feind hilft nur Gewalt: institutionelle, bürokratische, polizeiliche. Ist aber Gewalt als Mittel zur Lösung eines besonderen sozialen Problems einmal gesellschaftlich akzeptiert, kann sie in dieser Funktion allmählich auch auf alle übrigen soziale Probleme übertragen werden.
Mit der so zu verstehenden Entdeckung, Entfaltung und Pflege des von ihr so genannten Asylanten-Problems ist die mediale SVP jedoch keineswegs aller Sorgen ledig. Ressentiments nutzen sich ab; ihre Wieder- und Wiederholung stärkt sie bis zu einem Höhepunkt; ist der erreicht, verlieren sie an Suggestionskraft und damit an Wirkung. Die mediale SVP weiß das. Deshalb sucht sie seit längerem nach Alternativen. Die Schein-Invaliden, die faulen Arbeitslosen, die betrügerischen Sozialhilfe-EmpfängerInnen, die feriensüchtigen LehrerInnen – nichts will so recht fruchten. Alle diese gesellschaftlichen Gruppen stehen dem ‚Volk’ zu nahe, ihre Profile sind zu vertraut und dem möglichen eigenen Schicksal teilweise zu verwandt, als dass die Klischees des Ressentiments wirkungsvoll greifen könnten. Zudem verfügen diese Gruppen über eigene politische und/oder gewerkschaftliche Organisationen, mit deren Hilfe sie sich öffentlich Gehör verschaffen und zur Wehr setzen können, was ihre Eignung für die Zwecke der medialen SVP wesentlich mindert. Sie kehrt also notgedrungen immer wieder zum Asylanten-Problem zurück, das sie zu renovieren versucht, indem sie es zum Ausländer-Problem erweitert, was ihr allerdings zunehmend Ärger mit dem Gewerbe-Flügel der realen SVP einträgt.
Nichtsdestotrotz gelingen dem Duo vor allem auf kantonaler Ebene immer wieder schöne Erfolge, was die Senkung der direkten Steuern und die Erhöhung der Ausgaben für die Polizei betrifft. Durch welche Einsparungen diese erhöhten Ausgaben finanziert werden sollen, versteht sich nach den obigen Überlegungen von selbst.





hf. | 21. Februar 2012

Natürlich oder

die Sache mit der Natur. Entweder ist sie erbauend oder vernichtend. Was immer sie auch ist, wegen ihr sei es so, dass die Sachen so sind, wie sie sind, und deswegen könnten sie nicht anders sein, außer, man wolle in die Natur eingreifen, aber wer will das schon, wo Natur doch so schön ist, wenn sie nicht gerade gefährlich wird. Das wiederum spricht für die Notwendigkeit des Eingriffs, mit dem man versucht, den möglichen Eintritt und das mögliche Ausmaß der Naturkatastrophen zu bestimmen und ihre verheerenden Folgen zu reduzieren. Manchmal bemerkt man erst hinterher, dass es versäumt wurde, was nun in Zukunft vermieden werden kann.

Es gibt natürlich auch Situationen, die nicht so eindeutig für oder gegen einen Eingriff in die Natur sprechen, wie zum Beispiel die Fragen zur Genmanipulation, die für den Menschen unvoraussehbare, gesundheitsschädliche Risiken beinhaltet und darüber hinaus die Gefahr, dass durch einen Eingriff in die Natur der Natur die Natur sich gegen sich selbst wendet, gegen Bienen und Schmetterlinge oder gegen andere Pflanzen. Doch mittlerweile sind die genetisch veränderten Organismen schon lange im Umlauf.

Tendenziell ist es so, dass viel über Natur diskutiert und geschrieben wird und wir ihr, auf den ersten Blick betrachtet, erst einmal machtlos gegenüberstehen, da sie unumgänglich ist und eh macht, was sie will, sogar, wenn wir sie manipulieren.

Und so werden denn auch wir manipuliert, nicht von der Natur, sondern von jenen, die sich ihres Namens bedienen, um uns zu suggerieren, es gäbe Umstände und Situationen, die der Natur zuzuschreiben seien und wir folglich keinen Einfluss auf sie hätten, damit wir beruhigt weiterlesen können, ohne viel Gedanken über die Aussagen in Verbindung mit Natur zu verlieren, die vielleicht in der Zeitung stehen, die wir gerade lesen: Informationen über Hungerkatastrophen in Dürregebieten oder über die Kälte-Toten, die es diesen Winter zu beklagen gibt.

Diese elliptisch komprimierten Wortkomposita verbergen Mechanismen, deren geo- und sozialpolitischen Hintergründe und Ursachen wenn überhaupt, gerade am Rande erwähnt werden, da es einfacher ist, sich auf die Natur zu berufen, als auf die Ursachen der durch politische Entscheidungen verursachten Missverhältnisse einzugehen.

Ein Fallbeispiel hierzu finden wir in der Aussage « Wäre dies nicht in Brasilien mit seinem natürlichen Hang zum Chaos, wäre das architektonische Ergebnis wohl weniger erträglich ausgefallen. » » (NZZ, 2. März 2011, S.25). Konkret geht es in dem Artikel um die Ausstellung der Fotografien von René Burri zu dem von ihm fotografisch dokumentierten Bau der Stadt « Brasilia ». Weder die Architektur der Stadt, noch die Qualität der wahrlich schönen Bilder des Fotografen sind Anlass für einen Beitrag «Gegen den Strich», jedoch der unanzweifelbar perfekte Stil, mit dem der Journalist vor dem Hintergrund einer im Regenwald entstandenen Stadt die Begriffe Chaos, Natur, Ordnung und Ästhetik miteinander verbindet, um dem Fotografen ein Tribut zu leisten.

Der Satzbeginn zeigt, wie von soziokulturellgeopolitschen Realitäten abgelenkt wird, wenn man Natur als sprachliches Stilmittel einsetzt. Woran denkt der Leser/die Leserin bei dem Wort Brasilien? Vielleicht an Karneval, der gerade auch bei uns gefeiert wird, während Syrien seine Toten zählt? Vielleicht an den tropischen Regenwald, diese Natur mit dem Hang zum Wuchern? Bestimmt mag er dem garten- und parkanlagengewohnten Leser als Chaos erscheinen, tatsächlich folgt der Regenwald seiner eigenen, inneren Ordnung, in der sich die von der zivilisierten Welt bedrohten Einwohner sehr gut orientieren. Ihnen käme das Wort Chaos kaum in den Sinn.

Noch kritischer, beinahe anmaßend wäre es, hätte der Journalist die durch Armut hervorgerufene Situation der Slums im Blick, denn es handelt sich hier nicht um natürliche Hänge, sondern um Müllberge und ihre Bewohner leben dort kaum aus natürlich hervorgerufener Lust oder sonst irgendwelchen Trieben.

Gänzlich falsch wäre es, meinte er die damalige, oder gar die heutige, politische Situation, denn wie ungeordnet sie auch gewesen sein mag, sie war (ist) so sehr in internationale Interessen verstrickt, dass man auch hier weder von einem natürlichen, noch von einem brasilianischen Hang sprechen kann.

Nun braucht die Aussage nicht auf die ihr unterschwellig mitlaufenden Realitäten hin zerpflückt zu werden, um schon in ihrer allgemein gehaltene Formulierung eine Art von Verneinung all jener brasilianischen Bewohner zu entdecken, die dazu beigetragen haben, bzw. beitragen, die politische und soziale Realität ihres Landes zu ändern, z.B. in Form von Gewerkschaften oder sonstigen Verbindungen, die dem natürlichen Hang zum Chaos glatt widersprechen, da man sich organisieren muss.

Ein natürlicher Hang zum Chaos käme natürlich den Personen entgegen, die chaotische Verhältnisse schaffen, gegen die dann dennoch jene angehen, die mit unterbezahlten Löhnen, prekären Arbeitsverhältnissen und oft fatalen Arbeitsunfällen konfrontiert sind und sie denunzieren. Und genau das machten die Arbeiter während des Baus der Stadt Brasilia.

Der Filmemacher Vladimir Carvalho hat die Bauarbeiten, ihre anderen, sozialen Realitäten und auch ein Interview mit dem Architekten Oscar Niemeyer), in dem er sich zu den Geschehnissen äußert (http://www.youtube.com/watch?v=-qIjSCVwflU), über mehrere Jahre dokumentiert und in seinem Film « Conterrâneos Velhos de Guerra » festgehalten (*).

All dies zeigen die Fotos nicht, da es nicht das Anliegen der Ästhetik Burris war. Dass diese Umstände in dem Artikel der NZZ noch nicht einmal beiläufig erwähnt werden , erscheint mir in Anbetracht der damaligen Realitäten und der noch heute vorhanden Tendenz zur Naturalisierung politisch bedingter Situationen schon etwas problematischer.

Für mich stellt sich damit die Frage nach dem « besten politischen Sinn » (NZZ), sowohl des Journalisten, als auch des Fotografen, der da sagt: «Die Arbeiter kamen von überall her (ihnen wurden Bleiben versprochen, die die meisten nicht bekamen), mit der Machete und dem Messer in der Tasche. Der Mann im weissen Sonntagsanzug (was bedeutete ihnen der Begriff Sonntag wohl) ist einer der Arbeiter. Er kam mit seiner Frau und seinen vier Kindern und zeigt ihnen stolz das Gebäude, an dem er mitgebaut hat: den Paláçio da Justiçia.»

1959, ein Jahr vor der Aufnahme des bewussten Fotos, wurde ein zur Zeit des Karnevals stattfindender Protest der am Stadtbau beteiligten Arbeiter mit einem bewaffneten, gewaltigen Eingriff der Guarda Especial de Brasília beendet, bei dem viele der Arbeiter starben. Über all dies schweigt der Artikel «Wie der Menschenfotograf die Geburt einer Stadt sah», weil es darum natürlich nicht geht.

Worum geht es überhaupt ? Es geht um die Natur der Sache. Es geht um Kunst. Es geht um das Schöne in der Natur und das Willkürliche in der Kultur. Es geht um Widersprüche, Verantwortung und Erinnerung, die dazu führte, das mir beim Aufschlagen der Seite 25 einfiel, dass ich 1987 im Zentrum von Brasilia in Begleitung meiner brasilianischen Freunde den besagten Film von Vladimir Carvalho gesehen hatte, was etwas daran ändert, wie mir die Fotos in dem Buch «Brasilia» gefallen.

Es geht darum, zu erwähnen, dass auf dem Weg von der Machette bis zum Sonntagsanzug, oder dem «natürlichen Hang zum Chaos», nicht nur ästhetische und geometrische Perspektiven relevant waren!

Vor allem geht es um eine Anregung zur Hinterfragung der Begriffe natürlich oder Natur, wo immer sie im Zusammenhang mit Menschen und Kultur-en auftreten.

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* Au coeur du film pulse une dénonce jusqu'à alors oubliée sous les mailles de l'histoire officielle: Témoignages sur des mauvais traitements, conditions de travail précaires et beaucoup d'accidents fatals, dissimulés pour ne pas tacher le romantisme de l'ouvrage. Et le plus grave: une révolte des ouvriers lors du carnaval 1959 fut réprimée par un massacre venant de la "Guarda Especial de Brasilia. (Merci à Zaq Guimaraes, Andréa Farias, Chico Simões et Maria Luiza Vasconcelos pour leur aide de traduction et discussions.)

No coração do filme pulsa uma denúncia até então esquecida nas dobras da história oficial: relatos de maus-tratos, condições de trabalho precárias e muitos acidentes fatais encobertos para não manchar o romantismo da empreitada. E o mais grave: uma sublevação de operários no carnaval de 1959 havia terminado com um massacre executado pela "Guarda Especial de Brasília". (http://mais.cultura.gov.br/2010/10/01/cineclube-exibe-amanha-documentario-sobre-a-construcao-de-brasilia/)





sr. | 21. Februar 2012

Realsatire

Die Schweizer Naivität schlägt zur Zeit einen Salto Mortale. Die SVP Widen erkennt im Netz eine alte Schriftsatire auf ihre eigene Partei nicht als Satire und lädt sie kurzerhand auf ihre Website. 20 Minuten erkennt die Satire ebenfalls nicht als Satire und erhebt den Rassismus-Vorwurf (statt die SVP Widen für ihre eigene, wenn auch unfreiwillige satirische Selbstkritik zu loben). Später erkennt auch die eidgenössische Kommission gegen Rassismus die Satire nicht, wittert rassistische Inhalte und will, wieder gemäss 20 Minuten, von der SVP wissen, wie in Zukunft solche Inhalte vermieden werden könnten.
Also das gabs noch nie!
Eine Antirassismus-Kommission will von einer rechtspopulistischen Partei wissen, wie in Zukunft satirische Aussagen über diese Partei verhindert werden könnten? Gäbs das Wort „Realsatire“ nicht, man müsste es spätestens jetzt erfinden.





wmf | 14. Februar 2012

Eine weitere Facette

im Charakterbild von Konrad Hummler, gewesener Chef des gewesenen Bankhauses Wegelin & Co. und auto-suspendierter Vorsitzender des Verwaltungsrates der NZZ Medien AG. In seinem Anlagekommentar Nr. 277 vom 4. Juli 2011 stellt er fest: „Die japanische Gesellschaft hat sich auf das Demographie-Problem eingerichtet, besser als Europa.“ Weshalb? Wegen der „nicht vergesellschafteten Verantwortung für die Pflege der Alten.“ Für den Bankier Hummler sind Sozialleistungen jeglicher Art faux frais de la production, von der Spekulation gar nicht zu reden. Schade um das schöne Geld. „Japan ist dem von [...] Ansprüche[n] an die Gesellschaft übervollen Westen in Bezug auf die Demographiefrage um zehn, zwanzig Jahre voraus.“ Und last but not least: „Dass nun Pensionierte bei der Sanierung des havarierten Atommeilers Fukushima zum Einsatz gelangen, mag diese Erkenntnis noch unterstreichen.“ Gewiss doch. Von den 600 000 durchaus nicht im Rentenalter stehenden Liquidatoren, die 1986 zu den Aufräumarbeiten in Tschernobyl herangezogen wurden, sind bis 2006 nach Angabe der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ zwischen 50 000 und 100 000 gestorben.





Mm. | 10. Februar 2012

Das Gespür im Haufen

Die letzte Schweizerin, Rös Zgraggen, lebt und arbeitet als Ameise in einem Ameisenhaufen im Hinteren Haslital. Sie ist dort geschlüpft, aufgewachsen, hat dort die Schulen durchlaufen und ist konfirmiert worden, hat dortselbst Freunde gefunden, sich mit Gefährten verbunden, hat sich niedergelassen, Gelege bewacht und Nachkommen betreut. Rös lebt und arbeitet bis heute in ihrem Haufen und möchte dannzumal auch nach Ameisenart dort bestattet werden, etwas abseits vom Haufen, doch auf Ameisenpfaden bequem zu erreichen.
Die letzte Schweizerin hat nicht gelernt, in grosser Platznot unter ihresgleichen arttypisch zu leben, es ist ihr auf instinkthafte Weise gegeben. Aus einem mysteriösen inneren Antrieb wählt Rös stets das ameisentypische Verhalten. Sie trifft ameisenhafte Entscheide, hat einen Riecher für ameisengerechte Nahrung, und ihre Bewegungen geben ein wahres Inbild der ameisentypischen Motorik ab. Wann immer ihr ameisenunverträgliches Futter unterkommt, spreizt sie reflexartig ihre Mundwerkzeuge. Es ist durchaus nicht übertrieben, zu behaupten, Rös habe ein untrügliches Gespür für alles Ameisenhafte. Was nicht ameisenhaft oder, wie der Haufen neuerdings sagt, ›nicht ameisengemäss‹ ist, meidet sie. Sie versucht es zu umgehen oder, wo es nicht umgehbar ist, zu dezimieren. Es genügt nicht, es zu ignorieren, spürt Rös, denn wenn man es ignoriert, bleibt es da. Aber es muss weg. Denn der Ameisenhaufen verträgt nur das Ameisengemässe. Um so eng zusammenleben zu können, ohne aufeinander rumzutrampeln oder sich aufzufressen, braucht es Definitionen, weiss Rös aus der Ameisengrundschule. Die wichtigste davon: Was ist eine Ameise? Und daraus abgeleitet: Was unterscheidet das Ameisenmässige vom nicht Ameisengemässen?
Dies kann nur die Praxis, kann nur das Gespür, können nur die Instinkte zeigen. Was ihr unameisenhaft vorkommt, drängt Rös nicht eigentlich bewusst aus dem Haufen – an sich hat sie nichts gegen das nicht Ameisenmässige, mehr folgt sie einem Trieb, der gebietet, dass sie damit nicht koexistieren will, zumindest im Ameisenhaufen nicht, unter den Bedingungen seiner Platznot, die charakteristisch für alles Ameisenmässige sind. Solange sie im Haufen lebt – und Hand aufs Ameisenherz, etwas anderes kann sie sich nicht vorstellen –, will Rös reinsortig unter ihresgleichen leben.
Weil aber unter den beengten Verhältnissen im Haufen die Trennlinie zwischen ›total ameisenhaft‹ und ›überhaupt nicht ameisenmässig‹ nur unscharf zu ziehen ist, da im Haufen so vieles nur halbwegs Ameisenmässiges durcheinanderwimmelt und sich verdammt ameisenmässig gibt, weil es partout als Ameise durchgehen will, braucht es Gremien, die über Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit befinden, Gremien, zusammengesetzt aus reinsortigen Ameisen, deren Ameisenmässigkeit über alle Zweifel erhaben und bestätigt ist von weiteren Gremien, die sich aus nächst-älteren, nächst-erfahreneren Ameisen zusammensetzen.

Was ist eine Ameise? Ohne Frage die wichtigste Frage im Haufen, weit wichtiger als etwa die Frage: Was gibt‘s heute zu Mittag? Die erste Frage wird gestellt, seit es Haufen gibt, die zweite erst, seit Ameisen begonnen haben, zwischen Mittag- und Abendessen zu differenzieren. Die erste Frage ist schwerer zu beantworten, von Ameisen zumal, die hinsichtlich Ameisendefinitionen gleichermassen befangen und überinformiert sind. Darum braucht es im Haufen Vorrichtungen, um die Objektivität der Befunde zu sichern und um Fragen der Zugehörigkeit gültig zu klären. Früher, erinnert sich Rös, nannte man sowas Politik.
Eine Ameise ist keine Termite, so könnte eine Antwort lauten. Eine andere: Eine Ameise ist eine Ameise. Beide sind zwar zutreffend, beantworten aber die Frage nicht umfassend. Darum hat man sich unter den Waldameisen im Hinteren Haslital darauf geeinigt, dass die erste, kardinale Frage nur mit einer Vielzahl teilbefriedigender Aussagen beantwortet werden kann, Aussagen, die jede für sich wenig aussagekräftig sind, zusammengenommen aber eine Definition ergeben. Dies, so hat die haufeninterne Umfrage ergeben, nennt sich Evolution.
An der Ameisengrundschule, wo Rös im Teilamt unterrichtet, skizziert sie diese komplizierte Sache so: Wenn das nicht Ameisengemässe im Haufen überhandnimmt, bricht die dünne Zivilisationsdecke ein, auf der jeder Haufen steht, und es reissen neue, nicht ameisenhafte Verhaltensweisen ein, aus denen sich niemals ein so idyllisches Ameisenleben wird ergeben können, wie es sich im Ameisenhaufen heutiger Tage täglich vollzieht. Darum ist das Wachsamsein tägliche Ameisenpflicht: ›Witterungsfroh, witterungsfügsam, witterungsbedürftig ‹ lautet die Devise. Darum läßt Rös‘ allzeit alarmbereite Wachsamkeit gegenüber dem nicht Ameisengemässen niemals nach, und so soll es auch bei den Jungameisen sein.
Die Menschen, die fernab des Haufens leben – mehr in Flecken und Fleckengebilden als in Haufen –, nennen dies noch Politik. ›Das haben wir Ameisen längst hinter uns‹, doziert Rös selbst vor den frischesten Gelegen. ›In einer frühen Phase unseres Siedelns nannten auch wir den Versuch, unter den beengten Verhältnissen des Haufens geordnet und nach festen Regeln zu leben, Politik. Damit ist es vorbei. Evolution, meine lieben Ameisenjungchen! Nur die evolutionären Gesetze können den Haufen sichern.‹
Politik aber, so die einhellige Meinung im Haufen, hemmt nur das Wirken und Weben der Evolution – sie verzögert das Herausbilden perfekter Organisationsstrukturen. Dies zeigt die Betrachtung der Flecken und Fleckengebilde, in denen die Menschen politisch leben. Keine Ameise zu klein, um dies mit eigenen Augen zu sehen. Denn ab und zu, und in jedem Amei-senleben mindestens einmal, kraxelt eine Ameise – es muss nicht unbedingt Rös Zgraggen sein – zum Gipfel des Haufens, um vom Hinteren ins Vordere Haslital zu spähen, dorthin, wo die vorletzten Schweizer wohnen. Nur um sicherzugehen, dass auch da, früher oder später, die Evolution das Politische beerben wird.





gk | 8. Februar 2012

D Konkurränz

I ha mi scho lang gfragt, werum die dä geng wider lö la zu Wort cho. Werum die däm so viu Platz yruume. Är isch ja nid bsungers schön. Es isch nid bsungers intressant, was’r seit. U ds meischte drvo isch sowiso gloge. U trotzdäm überchunnt’r geng wider ganzi Sytene. Doppusytene. Mit Föteli. Won’r sech cha usbreite. Won’r sech cha rächtfertige. Won’r cha Angeri abeputzen u vrlümde. U zu auem sy Sämf abgä. Aber won i när erfahre ha, dass däm di Zytig ghört. Dass är drfür zaut, dass eine härechunnt, zu ihm i ds Bundeshuus, u nen interviewt, han i tänkt: Aha, aus klar. U ha nen aaglüten u gseit, i wöu di Zytig nümm. I wöu ke Zytig, wo däm ghör u won’r di ganz Zyt drinn vorchöm. - Das syg nid so, hei si gseit, di Zytig ghör ihm scho wider nümm. Itz gäb’r nume no ds Gäut drfür. - I bi doch nid blöd, han i gseit. U ha abghänkt. Un es Probeabo gno vor Konkurränzzytig. Aber won i d Konkurränzzytig ha gha, han i gseh, dass dä dert o di ganz Zyt vorchunnt. Mit Föteli u auem. U de han i tänkt: Das cha doch nid sy, dass däm di Zytig o ghört. U ha nen aaglüten u se gfragt, öb ihm di Konkurränzzytig o ghör. Öb’r o drfür zau, dass’r hie vorchömm. - Aber di hei gseit, nenei, di Zytig ghör ihm nid. Im Gägeteil. Si syge d Konkurränz. - Komisch, han i gseit, was syt de dir für ne Konkurränz? Em einten Ort zaut’r drfür, dass’r vorchunnt, viu Gäut, u dir machet’s gratis? Däsch es Minimum a Transparänz, won i aus Chund vo öich Medie vrlange: We dr Name Blocher faut, weiss i, är het drfür zaut.





sr. | 5. Februar 2012

Die Kavallerie reitet weiter

In meinem letzten Gegenstrich-Artikel erwähnte ich Christoph Blochers seit Jahren anhaltende Faszination für die Politik als Kriegsersatz. Und führte zwei konkrete Zitate an:
„Ich stelle mir vor: Jetzt ist Krieg, das ist schrecklich. Vielleicht muss ich töten oder werde getötet. Aber sitzt man erst einmal auf dem Ross und gibt diesem die Sporen, dann gehts los, vielleicht in freudigem Galopp. Es muss sein. (Tages-Anzeiger, das Magazin 24.6.2000).
„Das ist, wie wenn man in den Krieg zieht: Wenn man auf dem Pferd sitzt und ihm die Sporen gibt, dann geht es los“ (7.4.2011 am Rande einer Pressekonferenz)

Kurz darauf hatte die Region Basel die kostenlose "Spatz-Zeitung" im Briefkasten mit einem fünfseitigen Portrait über Markus Somm, Chefredakteur der Basler Zeitung und Blocher-Biograf. Im Artikel fielen sofort folgende Sätze auf:
„Trotzdem reitet der Chefredaktor an dieser Redaktionskonferenz seinen Chefsessel wie ein Kavallerist sein Ross. Er gibt von seinem Sattel aus die Richtung vor, gibt seinen Argumenten die Spore, wirft sich hinein ins intellektuelle Sperrfeuer der Meinungen“.
Wer denkt, das müsse von der Journalistin Daniele Muscionico, die früher mal mit feinfühligen Portraits über die Schweizer Kleinkunstszene von sich reden machte, ironisch gemeint sein, der wird eines besseren belehrt. Markus Somm ist in ihren Augen ein brillanter Kopf (…) schreibt elegant und formvollendet! Seine Begegnung mit konservativen Politikern Mitte der 90-er Jahre bezeichnet sie als „Bekehrung“. In Victor Klemperers „LTI – Lingua tertii imperii“ (einer Sprachuntersuchung über die Sprache des dritten Reichs) wäre über die religiöse Konnotation von Politikern und Ideologen einiges nachzulesen.

Allmählich muss man davon ausgehen, dass Peer Steinbrück mit seinem damaligen Kavallerie-Vergleich die einzige adäquate Sprache gewählt hatte, um in diesem Land überhaupt verstanden zu werden.





RB | 3. Februar 2012

Zwischenfrage

Wegen der Steueraffäre um die St. Galler Privatbank Wegelin hat deren Zürcher Filialleiter Christian Hafner das Präsidium des Stiftungsrats der Schweizer Kinderhilfe Terre des Hommes vorübergehend niedergelegt. Wagner lasse sein Amt ruhen, um das Hilfswerk zu schützen, teilte er mit. Wann legt der Hauptverantwortliche Konrad Hummler, Tettamanti-Freund, Gründer der rechtskonservativen Dachorganisation„Liber’all”, Leiter des rechtsstehenden „Verein Zivilgesellschaft“ und darüber hinaus NZZ-Verwaltungsratspräsident – wann legt Konrad Hummler dieses Präsidium nieder, um die NZZ zu schützen?





sr. | 1. Februar 2012

Mein Vorbild Erwin Rommel...

Am 24. Juni 2000 führte Roger Köppel im Magazin des Tages-Anzeiger ein geradezu grotesk unkritisches Interview mit Christoph Blocher. Ein Interview, in dem Blocher mehrmals das Unternehmertum mit Krieg gleichsetzt und sich zu einer militärischen Führungstechnik bekennt. Krieg sei schrecklich, aber sitze man erst mal im Sattel, gehe es los im freudigen Galopp, schwärmt Blocher*. Blochers Kriegsrhetorik** und -logik klingt im Wortlaut so: „Ein Unternehmer habe seinem Auftrag alles unterzuordnen, ein angenehmes Leben, Gesundheit, Geld, Familie“. Im Militär gehe es um Leben und Tod, daraus könne man lernen. Blocher und der Heldentod?**. Köppels Frage, welche militärischen Führer Blocher denn bewundere, beantwortet Blocher allen Ernstes mit dem Namen Erwin Rommel. Hitlers „Lieblingsgeneral“. Die Lektüre von Rommels Biografie sei ein „Führungserlebnis“ geworden. Blocher lobt das Instinktive Rommels, wann und wo angreifen, alles aus dem Bauch heraus. Es fasziniert Blocher, dass sich militärische und unternehmerische Führungsgrundsätze immer schon eins zu eins gedeckt hätten. Und Blocher setzt einen drauf: bei höheren Politikern sei es realistisch, von Anfang an anzunehmen, sie seien Gauner. Man darf sich fragen: wie kann Blocher so (meinetwegen realistisch) über hohe Politiker denken, dann aber gleichzeitig einen Erwin Rommel weißwaschen? Blocher betont gegenüber Köppel immer wieder nicht nur das Instinktive Rommels, sondern lobt auch das Irrationale.
An dieser Stelle mal ein paar Worte zum Irrationalen: Irrationalität mag in der Kunst fruchtbar sein, und viele Politiker liebäugeln heimlich immer wieder mit der Kunst, seien es nun die Gedichte Oskar Freysingers, oder im schlimmsten Fall die Aquarelle Hitlers. Nur, dass die rechten Politiker das Irrationale in der Kunst ja gerade hassen! Siehe ihre Meinung über Surrealismus, Dadaismus, Regietheater, Fluxus, sogenannte moderne Kunst. Dass sie genau dieses Irrationale dann aber für die Politik beanspruchen? Das ist nicht nur irrational, das ist paradox blödsinnig, denn in der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hat Irrationalität nichts verloren. Die Irrationalität hat die Finanzkrise verschuldet. Irrationalität ist tödlich. Das irrationale Verhalten der Menschen hat nach 9/11 beispielsweise zu Flugangst und einer massiven Zunahme des Autoverkehrs geführt und damit zu nachweislich höheren Verkehrstotenzahlen. Irrationalität ist der Motor in Glaubenskriegen, Irrationalität verzerrt die eigene Geschichte, verklärt, verdrängt, emotionalisiert. Zivilisatorische Errungenschaften, Aufklärung, medizinischer, technischer, demokratischer Fortschritt ist nicht das Resultat von Irrationalität, sondern von Rationalität, von wachsender Vernunft und Bildung und Reflexion. Das Bekenntnis zur Irrationalität enthält alles, was die SVP in den letzten Jahrzehnten verdorben hat. Rein emotionale Propagandasprache auf Plakaten, irrationale Geschichtsverklärung, irrationale Angstbilder, irrationale Aggression, irrationale Selbstüberschätzung. Wie kann man die Irrationalität als politische Strategie loben? Ohne Irrationalität wäre der Nationalsozialismus ein Stammtischgrüppchen geblieben, das wusste auch Nazi Philosoph Alfred Rosenberg. Darum noch einmal: wie kann ein Parteipräsident im Jahre 2000 die Irrationalität als politische Strategie loben und dies gar am Beispiel eines Nazigenerals, dessen vielbeschworener „Widerstand“ gegen Hitler alleine aus einer militärischen Unzufriedenheit mit dem Kriegsverlauf resultierte. Rommel war ein Talent des Schlachtfelds ohne jegliches Interesse am politischen Hintergrund dieses Schlachtfeld. Nie von der Würde des Menschen, sondern nur der Würde des Soldaten fasziniert. Kurz: ein Menschenverachter mit solchem Scheuklappenblick gehört ins Schulbuch und dann schnurstracks in die Mottenkiste. Ganz bestimmt aber nicht auf die Liste mit dem Titel „Meine Vorbilder“!
Wo war der Journalist Roger Köppel in diesem Augenblick? Keine einzige kritische Nachfrage! Gut, man kann sagen, das ist 12 Jahre her. Kalter Kaffee.
Mitnichten. Blochers Kriegsrhetorik ist aktueller denn je! (siehe die Fussnoten)


* Blocher ist besessen von diesem Gedanken, er wiederholt ihn elf! Jahre später, am 7. April 2011 am Rande einer Pressekonferenz fast wörtlich, wenn er sagt: „Das ist, wie wenn man in den Krieg zieht: Wenn man auf dem Pferd sitzt und ihm die Sporen gibt, dann geht es los.“

** Blocher lässt mit seinen kriegerischen Vorbildern kein Jahrhundert aus, wenn er anlässlich des "Morgarten-Treffen" vom 17. September 2011 sagt: „Wir kämpfen mit voller Überzeugung, kraftvoll und wenn nötig auch listig – wie dereinst die Ahnen am Morgarten!“

*** Von der Vorstellung eines Märtyrertods ist Blocher besessen. Vor nicht mal zwei Monaten, am 14.12.2011 sagt er auf Teleblocher: „Mein Vater hat immer gesagt: Du musst mutig sein, hinstehen müsst ihr, Nachteile in Kauf nehmen, ihr müsst einfach immer denken: mehr als das Leben können sie euch nicht nehmen!“

Man müsste mal gelegentlich das Kultur- und Menschenbild der Schweizerischen Volkspartei erörtern.





sr. | 1. Februar 2012

Vom Kritiker zum Pressesprecher

Im März 1997 mokiert sich Köppel noch über die typische Verkrampftheit der Schweiz im Umgang mit ihrer eigenen Geschichte (es ging um die nachrichtenlosen Vermögen) und attackiert Blocher, der die Kritik der Historiker am Verhalten der Schweiz im zweiten Weltkrieg „Ausfluss eines fehlgeleiteten Moralismus“ nennt. Köppel schreibt dazu: „Es ist kein Wunder, dass es erheblichen Druck von aussen brauchte, damit die Seilschaften der Verdrängung etwas auseinanderbrachen“.
Im Juni 1999 meint Köppel: „Die Zürcher SVP ist kein Ruhmesblatt in der Zivilisationsgeschichte unseres Landes“.
Im Oktober 2000 rief Köppel im Magazin des Tages-Anzeigers das Ende der SVP aus. Er bescheinigte der Schweizerischen Volkspartei „politische Esoterik“, „nationalkonservative Vergangenheitsverklärung“ und prophezeite ihr ein „Gesundschrumpfen“ auf eine kleinbürgerliche Interessenspartei.
Wir wissen, das Gegenteil ist eingetroffen. Gemäss Köppels Logik muss die Partei im letzten Jahrzehnt nicht „gesundgeschrumpft“, sondern „krankgewachsen“ sein. Nicht nur das: unterdessen ist Köppel selber zum Pressesprecher jener „politischen Esoterik“ geworden. Was ist eigentlich passiert? Antworten bitte an: redaktion@gegen-den-strich.ch





mz. | 30. Januar 2012

Das Interview, das die Weltwoche nicht zu drucken wagt

F: Na, Herr Blocher, das war eine ziemliche Überraschung.
B: Finden Sie? Das ist doch gut, oder? Das hätten Sie mir ja nie zugetraut.
F: Nein, das hielt ich für unmöglich.
B: Sehen Sie.
F: Sie nehmen also alles zurück? Alle Unterstellungen, Lügen, alle üblen Nachreden, all die fiesen Machenschaften der letzten dreissig Jahre?
B: Ich habe aber auch richtige Sachen gesagt.
F: Gewiss. Aber nun bitten Sie öffentlich um Entschuldigung für alle verletzenden und törichten Aussagen.
B: Töricht ist gut. Ja, da war fast alles töricht. Auch: vulgär. Mir ist das inzwischen peinlich. Auch diese Geschichtsklitterungen, die sind ganz furchtbar. Nehme ich alles zurück.
F: Ihre Bewunderer werden Sie vielleicht nicht verstehen. Stört Sie das? Und die SVP, die auf Ihr Geld angewiesen war, auf Ihre Sprüche?
B: Die sollen doch auch dem Leichtsinn und den dummen fremdenfeindlichen Parolen abschwören. In der Schweiz haben wir dringendere Fragen als immer nur diese Ausgrenzung von Menschen, die anders denken. Die bekommen keinen Rappen mehr von mir. Schluss.
F: Und jetzt soll die Schweiz in die EU?
B: Ach, Gott. Weiss ich das?
F: Und was machen Sie als nächstes?
B: Ich trete von allen Ämtern zurück und schweige fortan. Jetzt ist die Zeit des Schweigens, endgültig. Die Hodler-Bilder werde ich für einen guten Zweck spenden, höchste Zeit.
F: Schönen Dank für das überaus erfreuliche Gespräch.





Mm. | 30. Januar 2012

Die Traditionsbank als Opfer?

Muss, wo ein Opfer ist, auch ein Täter sein? Nicht unbedingt. Immerhin kann man auch höherer Gewalt oder dem anonymen Verhängnis zum Opfer fallen. Wenn aber die NZZ titelt: ›Wegelin Opfer des Steuerstreits‹, dann steht das Phantasma eines konkreten Täters im Raum, einer Gegenseite, die dem Opfer böse wollte und es zur Strecke gebracht hat. Dass dieses aber, wenn es schon Opfer sein soll, sich selber zum Opfer fiel, also den Tätern in den eigenen Reihen, wird mit einer solchen Schlagzeile buchstäblich unterschlagen.
Die NZZ weiss warum. Und so beweint sie tränenreich, dass ein Traditionshaus zerschlagen worden sei. Auch dieses Wort, ›zerschlagen‹, impliziert einen Hieb von aussen. Dabei haben leitende Mitarbeiter das Unternehmen von innen demontiert, durch ihr kriminelles Verhalten. Doch die Täter sollen einmal mehr anderswo zu finden sein, bequemerweise in jüngster Zeit häufig in Übersee, also jenseits des Teichs, der die guten Täter von den bösen Tätern unterscheidet. Wie angenehm, gibt es dieses Meer!





bm. | 21. Januar 2012

Missverständnis?

Warum eigentlich verstehe ich immer "VERWÄSSERN", wenn der Bundesrat öffentlich kundtut, er wolle die Asylgesetzgebung oder die Bankenregulierung verbessern?





bm. | 21. Januar 2012

Saadi schreibt ...

Saadi hat geschrieben - Saadi, der dritte Sohn des Muammar Gaddafi. In einem netten E-Mail beklagt er sein gegenwärtiges Schicksal ("Ich werde sehr durch die schändliche Brutalität entsetzt und gevergangen"), um dem Adressaten schliesslich ein gutes Angebot zu unterbreiten.

Sein Vater hat ein wenig Ölgeld nach Irland gerettet, das aber der Familie gestohlen zu werden droht. Deshalb: "Geehrter Herr, erbitte ich, damit Ihre Unterstützung Ihnen empfangen dieses Geld und halten es ermöglicht, bis ich schließlich meine Freiheit gewinne." Den Prozentsatz, den man zu nehmen gewillt ist, kann man selbst angeben.

Warum eigentlich nicht? Die Schweiz hilft ja gerne, wenn es um solche Transaktionen geht. Während die Aufnahme der lybischen Flüchtlinge im Asylverfahren gegenwärtig nur Widerstand hervorruft.
Also Bettwil! Helft! Da könnt ihr eure humanitäre Tat ableisten - und obendrein wäre erst noch etwas dabei herauszuholen. Das ist beste helvetische Tradition! "Ich versichere Ihnen, dass dieses Geschäft das 100%-Risiko frei ist, nur
wenn Sie mit meinen Anweisungen und der des Sicherheitsunternehmens
haften." Danke Saadi, du dritter Sohn des geliebten Wüstenscheichs.





sr. | 19. Januar 2012

Kleine Chronologie des Lügens

Es gibt Worte, die fliegen, selbst zugespitzt zum Vorwurf, nur federleicht an unserem Kopf vorbei, weil sie uns schlicht nicht betreffen. Andere Worte treffen voll ins Schwarze und reizen deswegen direkt unsere Galle. Sogenannte Reizwörter. Am 19.12.2011 stellte sich in der Sendung „Schawinski“ das Wort „Lüge“ als Reizwort heraus. Ein Studiogast, die ersten 28 Minuten der Sendung gewohnt souverän, gab plötzlich eine Lehrstunde in symbolischer Körpersprache und befingerte während der erzwungenen Anhörung seiner eigenen Lüge minutenlang seine Lippen und seine Nasenspitze und brauste dann auf mit dem Vorwurf, „jetzt sei der Dreck ja gebracht worden“! Als „Dreck“ bezeichnete der Studiogast jedoch nicht die Lüge, sondern den Vorwurf des Moderators, dass in der soeben angehörten Einspielung offensichtlich gelogen worden sei.
Aus diesem Anlass finden Sie untenstehend eine unvollständige Chronologie des Reizwortes „Lüge“, damit sich dessen heftige Wirkung auf den Studiogast für uns Laien etwas besser erschliessen möge:

1983 manipuliert ein Firmenchef (gemäss Recherchen des Tages-Anzeiger vom 26.12.2011) einen ganzen Verwaltungsrat und eine Besitzerfamilie so lange mit vorsätzlicher Vorspiegelung falscher Tatsachen, bis er – getarnt als anonymer Käufer - die Firma höchstpersönlich und zu einem Schnäppchenpreis übernehmen kann (ca. 20, statt 80 Millionen Franken).

1987 sagt ein Politiker in der Zürcher Wochenzeitung „Geschäftliche Beziehungen zu Südafrika hat meine Gruppe (ASA) nicht“.
14 Jahre später sagt derselbe Politiker der Aargauer Zeitung auf die Frage, ob seine Firma Geschäfte mit Südafrika gemacht habe, ein weiteres Mal: „Nein, es gab keine Firmen, die unsere Produkte brauchten“.
Ein Jahr später macht die „Rundschau“ des Schweizer Fernsehens bekannt, dass die Firma des besagten Politikers, trotz UNO-Embargo, von 1984 bis mindestens 1989 elektrische Zündsysteme an die staatliche Rüstungsfirma des rassistischen Apartheidsregimes Südafrika geliefert hat*.

1994 drückt ein Politiker im Nationalrat den Abstimmungsknopf seiner abwesenden Nachbarin und erklärt der „Luzerner Neueste Nachrichten“, es stehe nirgends, dass man dies nicht dürfe.
In Artikel 80, Absatz 5 des Geschäftsreglements des Nationalrats steht jedoch: „Die Stimmangabe durch Stellvertretung ist ausgeschlossen“. Ein Auszug dieses Reglements ist den Räten nur drei Wochen vor diesem Zwischenfall abgegeben worden. Der demokratisch gewählte Nationalrat, gegen den aufgrund dieses Reglement-Verstosses eine Strafanzeige eingereicht wird, bezeichnet seinen Wahlbetrug in einer ersten Reaktion als „Jux“.

1997 spricht ein Politiker im Hotel Schweizerhof, Zürich von „so genannten Holocaust-Opfern“ und behauptet: „Holocaust-Opfer gibt es nicht mehr - die sind ja tot.“
13 Jahre nach dieser Äusserung gehen statistische Berechnungen der „Jewish Claims Conference“ noch von rund 516.700 Holocaust-Überlebenden aus. Mehr als die Hälfte von ihnen leben unter der Armutsgrenze.

2006 plädiert ein Politiker auf Dienstreise in der Türkei dafür, das seit 1994 geltende Verbot der Genozid-Leugnung zu revidieren.
Nicht nur, dass es der Völkermord an den Armeniern längst bis in die Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“ geschafft hat; seit 1965 haben 22 Staaten (darunter die Schweiz) die durch den osmanischen Staat begangenen Deportationen und Massaker der Jahre 1915–1917 offiziell als Genozid entsprechend der UN-Völkermordkonvention von 1948 anerkannt.

2006 behauptet ein Politiker im Ständerat, er habe gewisse Albaner nie als Kriminelle bezeichnet.
Kurz zuvor hat derselbe Politiker vor dutzenden von Zeugen über Asyl- und Ausländerpolitik gesprochen und dabei zwei offiziell als Flüchtlinge anerkannte Albaner als Kriminelle bezeichnet.
Es folgt gegen besagten Politiker eine Strafanzeige wegen Verleumdung und als Zugabe eine weitere Lüge desselben Politikers, der behauptet, man hätte ihn in Anwendung des Anti-Rassismus-Gesetzes für seine freie Meinungsäusserung ins Gefängnis geworfen, wäre er nicht zufällig Bundesrat.

2011 sagt ein Politiker in der Sendung Doppelpunkt auf „Radio 1“: „Ich bin weder direkt, noch indirekt bei einer gewissen Zeitung beteiligt“. Auch gegenüber der „SonntagsZeitung“ betont der Politiker einen Monat später, dass er kein Geld für den Kauf besagter Zeitung zur Verfügung gestellt habe: „Ich bin es nicht.“
Ende 2011 stellte sich heraus, dass die Zeitung seiner Tochter gehört.

2012 sagt ein Politiker im Fall Hildebrand auf „TeleZüri“: „Ich habe keinerlei Unterlagen von einer Bank oder von Bankkonti“.
Kurz darauf berichtet der Bundesratssprecher, dass besagter Politiker vor mehreren Zeugen der Bundespräsidentin ein Dokument gezeigt habe – mit Angaben zu Transaktionen des Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank.

Epilog:
Zeitschrift FACTS (2006): Viele Prominente werfen Ihnen vor, dass Sie lügen. Ein harter Vorwurf.
Ein Politiker: Viele sind es nicht. Aber die Gegner beschimpfen mich als Lügner, weil ich anderer Meinung bin. (…) Lügen heisst, mit Absicht und wider besseres Wissen etwas Falsches zu sagen.




* 2006 äussert sich ein Politiker im "Le matin dimanche" wie folgt über Afrika: „Wenn die Afrikaner Ihre Situation nicht verbessern können, liegt es daran, dass die Afrikaner sich nicht entwickeln wollen". (…) Für Afrika bezahlen wir heute 400 Millionen Franken. Ich möchte nicht davon sprechen welchen Nutzen es bringt. Als Geschäftsmann sehe ich jedenfalls keinen».





sr. | 17. Januar 2012

Kein Bett in Bettwil

Seit dem 24. Dezember, also seit Wochen, versuche ich mir einen Bettwiler Vater vorzustellen, der seinen Kindern die Weihnachtsgeschichte vorliest ohne rot zu werden, wenn die Stalltüren vor Marias und Josephs Nasen zuknallen.





Mm. | 17. Januar 2012

Lex NZZ

Es gibt viele gute Gründe, die heutigen politischen Sitten zu verfluchen. Tut man dies, so schwingt eine unausgesprochene Begleitthese mit, dass es früher besser war. Aber stimmt das auch?
Wir reden heute von Polarisierung und beklagen, dass damit ein diffamierender Politstil Einzug gehalten habe. Zu Recht. Allerdings weckt dies Erinnerungen an das nicht so heile Gestern. Ich erinnere mich an eine vergleichbare Situation in der Schweiz der 80er und frühen 90er Jahre. Nur kam damals die Polemik nicht von den Rändern des Polit-Spektrums, sondern aus der Mitte der sogenannt ›staatstragenden Parteien‹. Blätter wie die NZZ oder das Aargauer Tagblatt pflegten einen hochideologischen, an der Linken als Feindbild ausgerichteten Stil, der durchaus nicht vor diffamierenden Spitzen zurückschreckte. Gestützt und getragen von diesen Organen, war mitunter eine regelrechte Hetzjagd nach potentiellen Staatsfeinden im Gang.
Ich erinnere mich an den Prozess meiner Dienstverweigerung. Der Pflichtverteidiger, Oberst der Schweizer Armee, versuchte mich für den ›blauen Weg‹ zu gewinnen mit der Begründung, als Dienstverweigerer seien mir sämtliche beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten verbaut. Man spielte also durchaus auf den Mann, allerdings auf den kleinen: Den Rekruten, den renitenten Schüler, den Herausgeber einer kleinen Undergroundzeitschrift. Inhaber von Spitzenposten waren dagegen kaum angreifbar, weil sie ja aus dieser massierten FDP-Mitte kamen. Wer sie angriff, griff den Staat an.
Während wir heute von einer «Lex Weltwoche» reden, erinnere ich mich, dass damals keine Lex NZZ nötig war. Jeder wusste, wer dahinter stand, ein militärisch-industrieller FDP-Komplex, der heute mangels dämonisierbarer Feinde darniederliegt. Wollten seine Exponenten heute die Destabilisierer ihres gehüteten und geheiligten offenen Staatswesens suchen, die sie damals in den fünften Kolonnen der Linken suchten, dann müssten sie ihre steif gewordenen Hälse mal kräftig zur Gegenseite drehen, nach rechts aussen.





bm. | 16. Januar 2012

Wir sind lernfähig

Das Bankgeheimnis ist gewährleistet bis zum Beleg des Gegenteils.





Mm. | 6. Dezember 2011

Eine kleine Adventspredigt

Die einen nennen es emphatisch Solidarität, die andern abwehrend Umverteilung. Den einen ist es eine Tugend, den andern ein Sündenfall vor den Geboten des Liberalismus, der uns jene beste aller Welten schmackhaft machen will, in der jeder seines Glückes Schmied ist und das Streben nach individuellem Wohlergehen allen hilft. Doch eines erlaubt uns der Liberalismus allemal: den modernen Almosen. Doch die alljährliche Spende für die Kriegsversehrten oder die Hungerhilfe in Afrika ist nicht gelebte Solidarität, sondern gelebte Psychohygiene. Sie ist für den Spender da, nicht für die Empfänger. So gesehen sind die gemeinnützigen Institutionen Psychohygiene-Einrichtungen für die Wohlstandsgeschädigten. Sie sorgen dafür, dass der Spender dank einer kleinen, gönnerhaften Geste mit dem Checkbuch wieder für ein Jahr ohne Gewissensbisse seinen Luxus geniessen kann.
Solidarität, wie ich sie mir wünschte, entspränge dagegen dem Wunsch, in einer menschlichen Weltgemeinschaft zu leben, in der mich das Schicksal eines jeden andern, auch wenn ich ihn nicht persönlich kenne, existentiell betrifft. Geht es mir besser als ihm, so bin ich für ihn (mit-)verantwortlich. ›Nachbarlichkeit unter Entfernten‹ könnte man dies nennen. Doch leider hat sich der Traum vom global village nur insofern realisiert, als alle bei allen einkaufen können, ohne dass einer sich für den andern verantwortlich zu fühlen braucht. Ich muss mich nicht sorgen, denn da sorgt ja, als allgegenwärtiges Phantom des Ausgleichs, der Markt für Gerechtigkeit (eine Gerechtigkeit, die ich in fette Anführungszeichen setzen muss).
Wenn ich aber wirklich ›vernetzt‹ oder ›global‹ denke, wie die heutige Sprachmode es will, dann bürdet mein Wohlstand mir eine grosse Verantwortung auf. Wenn ich mich nun für andere einsetze, die es nötiger haben als ich, denke ich hoffentlich nicht nur daran, dass sie dasselbe auch für mich täten, wenn die Rollen umgekehrt verteilt wären. Denn dies wäre nicht wirklich Solidarität, sondern eine metaphysische Versicherungsmathematik. Diese allerdings hilft als Anreiz durchaus. Denn so ganz selbstlos, wie es mir die psychohygienischen Formen der Hilfsbereitschaft suggerieren, bin ich nicht. Ich muss mich immer wieder dazu aufraffen, nicht egoistisch zu handeln. Ich muss mich daran erinnern, dass andere leiden. Ich muss Kleingedrucktes lesen und kann nicht stets beim billigen Jakob einkaufen. Ich muss antreten gegen mein Bedürfnis, zu verdrängen und in eine wohlige Privatwelt abzutauchen. Dies ist kein Pfingstgeschenk des grosszügigen Spenders an sich selbst, sondern tägliche Kleinarbeit, die unablässig zu leisten ist. Heute und morgen und bitte auch gerade jetzt.





sr. | 6. Dezember 2011

Duftstoff für Neonazis

Die SonntagsZeitung berichtete vergangenen Sonntag von Recherchen in Facebook-Profilen namhafter SVP-Politiker. So seien Toni Brunner und Christoph Mörgeli dort mit einschlägig bekannten, militanten und teilweise vorbestraften Neonazis befreundet. Auf Nachfrage gaben Mörgeli und Brunner an, nichts davon gewusst zu haben. Eine spektakuläre Aussage angesichts der Fotogalerien ihrer Freunde mit Hitlergruss oder Albert Speer-Portraits. Toni Brunner habe der “Sonntags-Zeitung” ausserdem angekündigt, seine Facebook-Freunde auch in Zukunft nicht “durchleuchten” zu wollen. Einerseits ist der Artikel der „SonntagsZeitung“ im unverbindlichen Social-media-Zeitalter ein Skandälchen im Wasserglas, andererseits ist die naive Gelassenheit der betroffenen SVP-Spitze in den Monaten nach Breivik und Zwickau schon beachtlich. Vielleicht stellt sich aber einfach folgende Frage: Warum sind SVP-Politiker so problemlos kompatibel mit der braunen Gesinnung einiger ihrer Fans? Niemand kann für seine extremsten Bewunderer verantwortlich gemacht werden - schon klar - aber welche Gesinnung finden wir beispielsweise bei Christoph Mörgeli selbst? Eine Kostprobe lesen wir dankbar auf seiner Website. Jenseits von Alltagspolitik brilliert Christoph Mörgeli dort u.a. mit der zeitlosen Kolumne „Verlorene Bataillonsfahne 65“, die einen Blut- und Fahnenkitsch verströmt, wie man ihn ehrlich gesagt allerfrühestens bei seinen angeblich unwillkommenen Facebook-Freunden vermutet hätte.
Hier zum Beleg eine leicht gekürzte Fassung dieser viel zu wenig beachteten SVP-Prosa:
“Bei der traditionellen Fahnenübernahme des Mech Füs Bat 65 erlebten die fünfhundert eingerückten Soldaten ein Ereignis, welches in der ruhmreichen Geschichte des Schweizer Wehrwesens wohl ohne Beispiel ist: Bei der Fahnenzeremonie fehlte die Bataillonsfahne! (…). Hartnäckiges Nachfragen führte zur interessanten Erkenntnis, dass die Bataillonsfahnen auch ausserhalb des Dienstes (…) genutzt werden darf, etwa für die Abschiedsfeier des Verteidigungsdepartements für einen heutigen Uno-Sonderbeauftragten (…). Zwar hatte mir der Divisionskommandant noch vorgeschlagen, eine Ersatzfahne zu benutzen, doch ich entgegnete: "Wenn mir als Vater ein Kind abhanden kommt, kann ich mich doch nicht mit einem Ersatzkind trösten!" Bei meiner Ansprache kam ich denn auch auf den Verlust unserer Bataillonsfahne und die damit zusammenhängenden Umstände zu sprechen: Früher sei ein abhanden gekommenes Feldzeichen mit Niederlage, Schmach und Schande gleichgesetzt worden. Ganze Heerhaufen hätten sich lieber niedermetzeln lassen, als ihre Fahne und damit ihre Waffenehre preiszugeben. Die stolzen Fähnriche aber hüteten das ihnen anvertraute Fahnentuch wie ihre Augäpfel. Lieber verschluckten sie die feine Bannerseide im Augenblick des Untergangs, ehe sie zuliessen, dass diese dem Feind in die Hände fiel. (…) Wenige Tage später bestellte mich die Mech PAL KpIII/65 zum Antrittsverlesen. Die hundert grinsendenGesichter liessen mich erahnen, dass eine Überraschung bevorstand. Unter scharf kommandierter Achtungsstellung spitzte die ganze Kompanie die Münder und pfiff den Fahnenmarsch. Aus der Kaserne näherte sich strammen Schrittes ein improvisierter Fähnrich mit zwei Fahnenwachen. Sein Fahnengurt war mit Feldschlösschen-Bierdeckeln verziert. Auf dem Schweizer Kreuz prangte – von kompanieeigener Künstlerhand gestaltet – das Porträt unserer Militärdirektorin Rita Fuhrer. In feierlicher Zeremonie wurde mir zum Trost diese Ersatzfahne überreicht, die ich noch heute in hohen Ehren halte”, Christoph Mörgeli 2001.





gk | 3. Dezember 2011

Scholle, die

Nicht dem Boden, nicht der Erde, nicht der Bevölkerung, nein, dem Aufgeworfenen fühlt sich der neue Bundesratskandidat Bruno Zuppiger verbunden: „Ich bin ein Bauernsohn und fühle mich der Scholle verbunden“, erklärt er im Interview mit dem heutigen BUND (3.12.2011). „Die Scholle ist im Ackerbau eine nur noch in der Agrargeschichte des deutschsprachigen Raums verwendete Bezeichnung für den eigenen oder gepachteten Grundbesitz eines Bauern“, lese ich im Beitrag bei Wikipedia. Gerne würde ich wissen, wie Zuppiger das Wort in der Mundart gebraucht, ob er es als sprachhistorisches Partikel besonders kennzeichnet oder ob es ihm aalglatt von der Zunge geht. „Nach der Bauernbefreiung infolge von Aufklärung und den Auswirkungen der Französischen Revolution kam im 19. Jahrhundert der Begriff der Scholle aus der Mode, und blieb nur in romantischen Liedern erhalten.“ (Wikipedia) Erhalten blieb der Begriff offenbar auch im politisch-propagandistischen Geschwätz, trotz seiner jüngeren braunen Vergangenheit: „Die Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus verwendete den Begriff verstärkt im politischen und übertragenen Sinn, allerdings ohne dass er im landwirtschaftlichen Alltag wieder üblich geworden wäre.“ (Wikipedia) Dass der Sprach-Versatz-Schatz greift, wundert mich, bei einer Klientel, die Abgehobenheit fürchtet wie der Teufel das Weihwasser.

Bauer, bleib bei deiner Scholle, lehrt Zuppigers Fall, dann brauchst Du Deine Leichen auch nicht im Keller zu lagern. (9.12.2011)





Mm. | 29. November 2011

Politikverdrossenheit

Ich gehe zur Urne, WEIL ich politikverdrossen bin (nicht obwohl): Weil das Abstimmen für mich, als einfachen Bürger ohne Einfluss, das einzige Mittel ist, daran zu arbeiten, dass dereinst meine Politikverdrossenheit sich erübrigen kann. Ich beteilige mich an einer Politik, die mich verdriesst, weil ich eine andere Politik will, eine Politik, die mir eines Tages vielleicht das Gefühl geben wird, sie sei von allen gemacht und für alle da. Für die mit Einfluss und für die andern.





Mm. | 27. November 2011

Stichwort Moral

Das ›richtige‹ Leben:
kaum heroische Akte
zumindest hierzulande
nicht, eher beharrliche
Gänge mit der Giesskanne
Kleine Gartenarbeit
auf öffentlichem Grund
Botengänge vom Leben
ins Gesetz, aufs Amt und
zurück ins manchmal
nicht so pralle Leben





wmf | 8. November 2011

Klartext in Zug

Die SVP der Stadt Zug hat in deren Gemeinderat eine Motion „zur Schaffung asylantenfreier Zonen in der Stadt Zug“ eingereicht. In der Mitte der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hing unter dem Ortsschild so manchen deutschen Ferien- und Erholungs-Ortes ein zweites: Dieser Kurort ist judenfrei. „Wir reden Klartext“, sagt der Präsident der SVP Zug. Stimmt.





sr. | 22. Oktober 2011

Toni Brunner prügelt Nigerianer ins Flugzeug.

In der Migros drohen bereits die Weihnachtsguezli, aber Moment, allzu schnell sollten wir Zeitgenossen die Tagesaktualitäten nicht vergessen. Kommen wir noch einmal zurück auf jenen Vorfall vom 7.7.2011 am Flughafen Zürich Kloten. Acht Polizisten gegen einen Nigerianer. Der Asylbewerber hat offenbar gute Gründe, warum er nicht zurück in seine Heimat will, folglich wehrt er sich mit Händen und Füssen, klammert sich ans Geländer der Flugzeugtreppe. Ihm gehts um Leben und Tod. Den Polizisten gehts um Pflicht oder Berufsversagen, also beharren sie zu Recht auf der Durchsetzung des von uns allen mehrheitlich abgesegneten Gesetzes, in dem es heisst, abgewiesene Asylbewerber seien auszuschaffen. Die Zürcher Regierung meinte später, die Gewaltanwendung der Polizisten sei "angesichts des äusserst heftigen Widerstandes verhältnismässig" gewesen. Das ist in genau dieser Wortwahl einmal wichtig festzuhalten. Ein Gefesselter gegen acht Polizisten und ein Hieb mit dem Schlagstock und mehrere Faustschläge sind in dieser Situation "verhältnismässig". Diese Formulierung ist für unser vorweihnachtliches Gewissen, und insbesondere fürs Gewissen der SVP, die sich am lautesten für diese Rückschaffungsflüge einsetzt, sicherlich eine befreiende Sache. Es fragt sich in der Konsequenz nur, warum wir uns die Sprache der Zürcher Regierung nicht auch als Bild kulturell dauerhaft vergegenwärtigen? Warum stellt sich zum Beispiel Toni Brunner nicht im nächsten Wahlkampf selber als prügelnder Polizist dar? Als Zeichen, dass er selbstverständlich einsteht für die Auswirkungen seiner Politik. Müsste es nicht unbedingt in der Verantwortung dieses Parteipräsidenten liegen, die Rolle jenes zuschlagenden Polizisten wenigstens einen Tag lang einzunehmen? Und zwar nicht heimlich als Selbstversuch, sondern öffentlich, fotografiert von Presse und Parteifreunden, genau im Moment des Zuschlagens mit dem Schlagstock. Und dieses Foto kommt dann farbig gross aufs nächste Wahlplakat. Nicht als Kritik an der SVP, im Gegenteil! Viele gesunde, rechtschaffene Schweizer mögen Toni Brunner und die von ihm präsidierte Partei genau für diese letzte, polizeiliche Konsequenz der Ausschaffungspraxis. Also werden sich die Wähler der SVP auch für die Details der Ausschaffungspraxis begeistern. 1:1 gehört diese Begeisterung und gehören diese Details künftig auf die Wahlplakate, genauso wie die Lungenkrebsbilder auf die Zigarettenschachteln der leidenschaftlichen Raucher. Schweizerkreuze, Sonnen, Minarettsilhouetten waren niedliche Kinderbuchmotive, nette Märchensprache. Wo bleiben die realpolitischen Fotos als Wahlkampfmittel? Das Bild des prügelnden Toni Brunner in der Rolle des prügelnden Polizisten müsste so lange an jeder Hausecke hängen, bis wir alle stolz darauf sind. Oder bis wir alle die SVP abgewählt haben. Oder bis die Ausschaffungskandidaten friedlich fröhlich ins Flugzeug hüpfen. Etwas Viertes, liebe Eidgenossen, gibt es nicht! Herr Brunner, zum Fototermin!





trö. | 19. Oktober 2011

Mit der Nähmaschine gegen die Millionenpropaganda

Noch wenige Tage bis zum Wahltag. Die letzte Chance, im Wahlkampf Zeichen zu setzen, wurde offenbar auch von der Macherin dieses textilen Videos gepackt:



Ein Beitrag von Shaping Point of View.





gk | 19. Oktober 2011

Debt to equity

Heute habe ich einen neuen Begriff gelernt: „Debt to equity“. Es handelt sich, wie ich lese, um ein Zauberwort. Und wenn mir solche Geschäftspraktiken im Alltag begegneten, würde ich vermutlich die Polizei rufen. Die allerdings könnte gar nichts machen, wie mir der CEO der NZZ heute in einem seiner aufschlussreichen Beiträge erklärt (wie kommt der CEO einer Verlagsgruppe eigentlich dazu, regelmässig in die redaktionellen Belange der Tageszeitung einzugreifen?). Kurzum: Konrad Hummler zeigt auf, wie leicht die Banken ihrer Verluste verlustig gehen könnten und schlägt vor, das gleiche Prinzip - anstelle von „Steuern auf Finanzvermögen und Immobilien“ - bei Staaten anzuwenden. - „Die Banken hätte man ja rasch und einfach höher kapitalisiert“, schreibt Hummler, „Das Rezept heisst ‚Dept to equity‘: bisheriges Aktienkapital auf null abschreiben, einen Teil der Gläubiger zu Aktionären machen, deren Guthaben zu Aktienkapital. Als neue Eigentümer können sie versuchen, es besser zu machen als ihre Vorgänger. Kaum ein Bankenrecht, das schweizerische inbegriffen, das diesen ‚Dept to equity‘-Swap nicht per Dekret zuliesse. Auch bei Staatsschulden heisst das Zauberwort ‚Dept to equity‘. Kein noch so ‚überschuldeter‘ Staat, der über keine grundsätzlich verkäuflichen Aktiva verfügen würde: Banken, Ölfelder, Häfen, Tunnels, Postsysteme, Konzessionen, Luftfahrtrechte, Inseln, Aussichtsberge. Die Gläubiger sollen zu Eigentümern werden und dafür sorgen, dass sie die Verluste, die sie durch mutwillige Risikonahme erlitten haben, durch Leistung wieder wettmachen.“ - Was ist noch mal der Unterschied zwischen einem Staat und einer Bank?





sr. | 14. Oktober 2011

Armee und Wirtschaft

"Brennpunkt", eine Sonderbeilage der Basler Zeitung, 13. Oktober 2011. Titel des Leitartikels: "Armee als Kaderschmiede der Nation". Zitat Christoph Eymann, Regierungsrat Basel-Stadt: "Es darf nicht sein, dass es sich herumspricht, dass eine Militärkarriere für eine Anstellung in einer bestimmten Firma eher hinderlich ist. (...) Breite Bevölkerungskreise müssen nicht nur von der Notwendigkeit der Armee, sondern auch von der Nützlichkeit ihrer Ausbildung überzeugt werden." Dieses Argument stirbt seit Jahrzehnten nicht aus. Aber das Militär funktioniert weder demokratisch, noch bedient es sich desselben Rechtssystems wie die zivile Demokratie. Insofern waren Armeen immer schon Parallelgesellschaften. Und diese Parallelgesellschaften, die im Ernstfall aus ihren Soldaten Kanonenfutter machen, sollen nicht notwendiges Übel in einer unsicheren Welt sein, sondern gleich Kaderschmiede für die Wirtschaft? Wenn der Kapitalismus heute in einer Krise steckt, dann womöglich auch deswegen, weil die grossen Wirtschaftsmotoren über zu viel militärisch gesinntes Kader verfügen. Ein Kader, das aus seinen Mitarbeitern im Ernstfall eben Kanonenfutter macht, per Massenentlassungen. Kaderschulung vom Feinsten.
In den Zeiten der "Occopied Wall Street"-Demonstrationen kann man Christoph Eymanns und André Blattmanns Werbefeldzug für die Kaderschmiede Armee eigentlich nur noch als grandiosen Anachronismus auffassen. Grade wird rund um den Globus verstanden, dass die einzig wahre Parallelgesellschaft, die den Westen in den Ruin stürzen konnte, nicht der Islam oder sogenannte Masseneinwanderungen waren, sondern die autoritär geführten Etagen der Investmentbanker, Derivatehändler und faule Kredite-Verkäufer. Die Spatzen pfeifens von den Dächern: der Kapitalismus muss wieder demokratisch werden. Das letzte, was es dabei braucht, ist militärisch geschultes Kader. Es sei denn, das Kader soll im Ernstfall wissen, wie man aufs Volk schiesst, so wie 1918 beim Generalstreik.





Mm. | 11. Oktober 2011

Toxische Positionen

Von ›toxischen Positionen‹ in den Wertpapierbeständen von Banken war im Zusammenhang mit der Finanzkrise unlängst die Rede. Welcher Finanzkrise? Diese jagen sich ja neulich wie Gewitterzellen am Sommerhimmel. In jener Finanzkrise, die durch den Kollaps von Lehman-Brothers eingeläutet wurde und offenlegte, dass der gesamte US-Immobilienmarkt zutiefst marode ist, tauchte der Begriff erstmals auf. Und worauf verweist die Giftmetapher? Zunächst entfaltet sie rein wörtlich ein technoides Flair, ein Gefühl von kontrollierter Bedrohung und Messbarkeit. Denn es gibt Grade der Toxizität: Sie kann taxiert und abgebaut werden. Dass Papiere aber einfach Ramsch oder Schrott sind, davon wird mit der Metapher selbstredend abgelenkt. Dass Gifte, sofern zersetzbar, beispielsweise in unserem Körper abgebaut werden, klingt auch an, wenn etwa verlautet, man habe ›toxische Positionen in den Büchern abgebaut‹. Dies heisst im Klartext nichts anderes als: Wir haben gewisse Engagements endgültig abgeschrieben und zum Nulltarif verramscht.
Der Begriff spielt auch darauf an, dass der Wertzerfall eine psychisch vergiftende Wirkung hat und tiefsitzende Ängste auslöst. Doch vielleicht gelingt ja die Entgiftung – so wie etwa Sondermülldeponien sanierbar sind, wenn man sie nur tief und gründlich genug untergräbt und entseucht. Doch der Wert von Papieren ist nicht direkt beeinflussbar. Der Markt als anonyme Instanz diktiert ihn. Solange wir noch keinen Realverlust erlitten haben, sondern nur ›toxische Positionen‹ ausweisen, sieht ja alles halb so schlimm aus. Der Satz ›wir haben einige toxische Positionen in unseren Büchern‹ klingt merklich kontrollierter als ›uns droht per Ende Monat die Illiquidität‹.
Von Staatspleite zu Staatspleite sollen wir also über unseren toxischen Positionen meditieren und mit jedem Hilfspaket darauf hoffen, dass der Markt uns über Nacht die Entgiftung unserer Bücher beschert.





Mm. | 11. Oktober 2011

Die wirkliche Welle

Organisationen, die sich einem Stresstest unterzogen und ihn bestanden haben, dürfen wir für krisenfest halten, so die gängige Ansicht. Damit wird vorausgesetzt, dass die Modelle, welche dem Prüfverfahren zugrundeliegen, reale Krisen korrekt simulieren können. Das ist pure Rhetorik, die das grundlegende Versagen von Prognostik in bezug auf komplexere wirtschaftliche Systeme ignoriert. Trotzdem haben unsere Institute ›den Stresstest bestanden‹ – einem breiten Publikum wird auf diese Weise suggeriert, man sei über künftige Bedrohungen im Bild und gegen sie gewappnet. Der Begriff Stresstest führt hier Verharmlosungsstrategien zusammen, die aus wirtschaftlichen Diskussionen wie aus solchen rund um die Atomkraft bekannt sind: Gewiss haben die Fukushima-Reaktoren gängige Stresstest tadellos bestanden, vielleicht nur Tage vor dem Störfall. Bloss waren die Faktoren der Naturgewalt (etwa des Meeres) in den verwendeten Modellen nicht adäquat eingerechnet. Ähnliche Schwierigkeiten ergeben sich beim Versuch, Abläufe in hoch vernetzten wirtschaftlichen Systemen vorherzusagen. Schon mehrfach ist zwar im alarmistischen Sinn vom bevorstehenden ›Finanz-Tsunami‹ gesprochen worden, doch blieb dieses Bild stets abstrakt; zudem war es Teil einer kurzlebigen Pressehysterie. Doch auf den Zusammenhang beider Bezugssysteme verweist auch der Umstand, dass im Kontext aktueller Währungsschwankungen von einer ›Kernschmelze an den Börsen‹ die Rede war.
Nur: Erst wenn die wirkliche Welle kommt, haben wir jenen Stresstest zu bestehen, der tatsächlich aussagekräftig ist. Erst dann wissen wir, was unsere Vorkehrungen taugen. Weil die reale Strapazierung etwas anderes ist als das, was man sich an Bedrohungen im Kämmerlein der Modellbildung zusammenreimt. Doch statt die Gefahren zu erkennen, die im Inneren unserer selbstgeschaffenen Netzwerke auf uns warten, lassen wir weiter zu, dass sogenannte Experten uns mit Simulationsergebnissen beruhigen. Als könnten wir mit dem bisschen Technik und Börsenregulation, das wir uns angeschafft haben, eine echte Härteprüfung bestehen.





RB | 9. Oktober 2011

Die Präsidenten und die Verräter

Dieser Tage werden wir wieder einmal Zeuge einer wundersamen Verwandlung. Diesmal ist es Präsident Gaddafi, den die Verwandlung betrifft: Er wird vor den Augen der Weltöffentlichkeit zum Ex-Diktator erklärt. Kaum ist er von der Bildfläche verschwunden und der Übergangsrat an seine Stelle getreten, vollzieht sich die Sprachregelung in allen Medien, und in allen gleichzeitig: Der Präsident wird zum Ex-Diktator. Das ist durchaus seltsam. Müsste, wer Präsident war, nicht nach aller Logik zum Ex-Präsidenten werden?
Wir haben den Generalissimo Franco, kaum war er tot, zum Diktator Franco mutieren sehen, Präsident Salazar, kaum war er gestürzt, zum Diktator Salazar, und in jüngster Zeit wurden vor unseren Augen aus ehrenwerten Präsidenten arabischer Länder im Handumdrehen Ex-Diktatoren. Nicht aus allen – nur aus jenen, die aus dem Amt vertrieben wurden. Die andern sind vorläufig noch Präsidenten. Mit einem Land, das von einem Präsidenten regiert wird, können alle andern Staaten bedenkenlos Waffenhandel treiben, Verträge über die Plünderung von Bodenschätzen abschliessen, Abkommen über die Rückschaffung von Flüchtlingen treffen. Bei einem Diktator als Staatsoberhaupt würden die Geschäfte ins Stocken geraten. Deshalb wird die Bezeichnung Diktator in der Politsprache (von einigen Schurkenstaatenführer abgesehen) tunlichst vermieden. Und die mediale Tagesberichterstattung übernimmt dienstfertig dieses Tabu.
Die Zeitung, die auf einmal mutig von Ex-Diktator Gaddafi redet, erweckt den Eindruck, dieser sei nie ein Präsident gewesen. Sie unterstellt, dass dieser Sachverhalt auch immer so dargestellt worden sei. So waschen die Medien, indem sie die Bezeichnung auswechseln, im Nachhinein ihre eigene Berichterstattung rein. Sie reden von Ex-Diktator Mubarak und lassen durchblicken, sie hätten diesen nicht erst seit den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz, sondern von jeher als den Despoten angeprangert, der er war.
Sie werden vielleicht schon morgen Präsident Saleh stets Diktator Saleh genannt und von Präsident Asad nie anders als von einem Tyrannen gesprochen haben. So dass niemand bemerken wird, dass im Moment, wo das Volk den Tyrannen stürzt und auf der Strasse „Verräter, Verräter“ ruft, nicht nur der Ex-Diktator gemeint ist. Sondern auch jene Medien, deren Sprache die Heuchelei der Politiker und Wirtschaftskapitäne jahrelang mitgetragen haben.





Mm. | 8. Oktober 2011

Mein Reputationsmanager

Geborener Taktiker, der ich bin, ist mir das Bild, das man sich in der Öffentlichkeit oder im Unternehmen von mir macht, schon immer wichtig gewesen. Liegt dir etwas an der Nachhal-tigkeit deines Führungsanspruchs, musst du dieses Bild möglichst positiv beeinflussen. Bloss, wer in der Führungsverantwortung steht, mit eigenem Geld voll investiert, der hat keine Zeit, riesig an seinem Image herumzufeilen. Darum ist es ein Segen, dass es jetzt Reputationsmana-ger gibt, die das erledigen. Sie kreieren eine personzentrierte Themenwelt, bereinigen Wider-sprüche, moderieren Fakten, pflegen den Lebenslauf und bereiten allfälliges Konfliktpotential optimierend auf.
Reputationsmanagement, so Gary, mein Reputationsmanager, generiert gemeinsam mit dem Kunden ein authentisch-positives, breite Kreise ansprechendes Persönlichkeitsprofil, mit Anbindung an bestehende Eignungen und Neigungen. Die Domäne stammt übrigens aus den Staaten. Punkto Popularitätsengineering, das muss man ihnen lassen, haben die Amis schon immer die Nase vorn gehabt.
Gary rät mir, für mindestens ein Jahr keinen Schwerpunkt mehr auf family values zu legen. Man solle keine schlafenden Hunde wecken, sagt er. Ich habe ihn auf dem Höhepunkt unserer Babymilchkrise engagiert, das fiel glücklich mit dem freiwilligen Rücktritt unserer langjährigen Konzernsprecherin zusammen. Gary hat sofort zupackend und angstfrei seine Ideen eingebracht. Er wolle in Zukunft mehr meine sportliche Seite betonen: Jogging oder Wildwasserfahren, vielleicht Bergsteigen – ›naturnahe Willenssportarten‹, wie Gary es nennt. Meine Vergangenheit als Waffenläufer soll dabei keine Rolle spielen, im Gegenteil, alles, was darauf hindeuten könnte, will er unterm Deckel halten. Zum Glück war meine Wehrsportkarriere nicht riesig: Ein paar Artikel im Landboten und im Zürcher Oberländer – keine Gefahr, dass ein Journalist die ausgrabe, mein Gary.
Zunächst hat er mir eine Kurzhaarfrisur verordnet, nicht zu militärisch, Nacken nicht ausrasiert, und das passende etwas feinrandigere Brillengestell. Als Leitwort für unseren Umgang mit der Babymilchkrise hat er Fairplay gesetzt. Finde ich riesig, weil das auch ins Sportressort reinpasst. Garys Strategien zielen stets auf Themenvernetzung ab. Zudem könne man, wenn ein Lead mal gesetzt sei, Fairplay bei den andern anmahnen oder, wenn es hart auf hart gehe, der Konkurrenz mangelndes Fairplay anlasten. Steht alles so in Garys kleinem Brevier zu den neuen konzerninternen Sprachregelungen, die auch im mittleren Kader riesig angekommen sind.
Von Gary kann selbst ich noch was lernen. Ich kann wirklich jedem, der an der Front steht, einen Reputationsmanager empfehlen. Seit Gary mich coacht, haben unsere Gefällt-mir-Werte wieder massiv angezogen. Wir sind aus der ›Problemberedungszone‹ raus, wie Gary sagt. Wir können wieder positiv kommunizieren und nach vorne schauen. So sehe ich der Lancierung unseres neusten Powerriegels mit Zuversicht entgegen. Parallel dazu soll eine Homestory mit mir auf dem Laufband breit gestreut werden, dazu ein Interview zum Thema ›Fitness, ein breit anwendbarer Begriff‹. Das Laufband steht bereits im Büro. Ich benutze es nicht. Habe in meinem Leben genug Laufarbeit verrichtet. Sei auch nicht unbedingt nötig, findet Gary: Entscheidend sei, wie authentisch ich auf dem Foto rüberkäme. Er hat Kontakte zu imageorientierten Topphotografen. Es wird alles gut laufen. Spätestens im Herbst, wenn die Vorstandssitzung ansteht, wird keiner uns mehr mit dieser Babymilchgeschichte assoziieren. Spätestens dann werden wir aus den Negativschlagzeilen raus und als das sportlichste Unternehmen der Schweiz neu positioniert sein.





Mm. | 5. Oktober 2011

Von Echt-, Nicht- und Unschweizern

›Schweizer wählen SVP‹: ein Slogan gibt sich harmlos. Doch hinter seiner bejahenden Pose verbirgt sich beträchtliches Negativpotential: das Gespenst des ›Unschweizers‹, der sich im Weichbild der mittelländischen Agglomeration eingenistet hat und dort unerkannt zur Urne geht. Er ist der Feind von nebenan. Denn dazu werden in diesem Spruch auf totalitäre Weise alle erklärt, die eine andere Partei als die einzig-schweizerische wählen; als wolle hier jemand eine Instanz zur Entlarvung ›unschweizerischer Umtriebe‹ gründen, analog zu Senator McCarthy. Was aber wäre denn unschweizerisch?
Ausser etwas Schweizerkreuz- und Sennenkäppifolklore ist den Programmen der einzig-schweizerischen Partei nur Negatives zu entnehmen: nicht-EU, anti-Ausländer, gegen Personenfreizügigkeit und Classe politique. Ernsthafte Orientierungsschwierigkeiten und diffuse Ängste sind der Hintergrund einer solchen Ideologie. Die Suche nach dem Unschweizerischen (und dessen möglichst speditive Ausmerzung) vereint das Paranoide der McCarthy-Ära mit dem Retrokult einer Réduit-Schweiz der frühen 80er Jahre. Immerhin klingt hier, subtil-untergründig wie immer, ein Satz wie ›Kauft nicht bei Juden!‹ an, womit auch die späten 30er zu ihrem Recht kommen.
Als Umkehrbild der Frage nach dem Schweizerischen unterläuft der Slogan geschickt die Definitionsfrage, was denn den Schweizer zu einem Schweizer macht. Er unterstellt: Wer unsere Partei wählt, ist ohne Zweifel ein patentierter Schweizer, unbesehen von Blutgruppe, Kragenweite und Zungenschlag. Wo in der Globalisierung eine schroffe Unübersichtlichkeit Einzug hält und einebnender Internationalismus die lokalen Eigenheiten bedroht, ist wieder Heimatstil gefragt – und damit die hablich-rechtschaffene dörfliche Schweiz der scheinbar konfliktarmen Vorkriegszeit, in der es das sortenreine Schweiztum noch gab. Um diese Zeit wiederherzustellen, möchte man alles Unschweizerische an die Grenze stellen oder vom heimischen Grund ekeln. Denn auch das Phantom des ›Undeutschen‹ beschwört dieser Satz von ferne herauf, zu dem einst Hitler ganz Osteuropa erklärt haben wollte – als Lebensraum jener ›Untermenschen‹, die zur Versorgung der deutschen Kerngebiete herangezogen werden sollten.
Was aber unterscheidet heute, nach dem Ende des kriegerischen 20. Jahrhunderts, einen Schweizer von einem Nicht- oder gar Unschweizer? Endlich ist eine Lösung für diese unangenehm bohrende Frage gefunden: die Parteizugehörigkeit. Denn der Pass kann’s ja nicht sein, nachdem sich weit mehr als die Hälfte der abstimmenden Bürgerinnen und Bürger dieses Landes durch ihr Votum nicht zum Schweizersein gemäss Parteibuch qualifiziert haben. Bloss, wohin mit ihnen? Am besten, die verbliebenen 35 Prozent Echtschweizer schaffen sie ausser Landes, um ein weiteres Problem dieses quälend mehrdeutigen 21. Jahrhunderts loszuwerden. Damit die Voten wieder eindeutig sind. Damit die Urnengänge wieder einheitlich ausgehen. Damit ein wuchtiges Nein ertönt. Damit Diplomschweize®, die das Prädikat verdienen, die rechte Partei wählen.





bm. | 3. Oktober 2011

Innen und aussen

Die NZZ versucht sich im Gebrauch der korrekten Sprache

Es ist erfreulich, wie sehr sich der nicht diskriminierende Sprachgebrauch durchgesetzt hat. Nicht alle Medien benutzen zwar - wie die WoZ - das grosse grosse -Innen (JournalistInnen), es gibt andere Variationen.
Eine davon demonstriert Jürg Dedial auf der Frontseite der NZZ vom 2. Juli 2011 - Thema ist die Atomausstiegsdebatte:
"Da taten sich strahlende Ideologen und Hysterikerinnen (grün) mit den scharf kalkulierenden Pragmatikern und Opportunistinnen (schwarz) zusammen, um den Ausstieg aus der Kernenergie zu besiegeln."

Ob Jürg Dedialinnen da alles richtig verstanden hat? Oder hat er es sogar sehr gut verstanden - was die Sache nicht besser macht.





bm. | 2. Oktober 2011

Apropos NZZ und Sprache

Auch die NZZ verludert sprachlich.

Apropos NZZ. Ein Muster an liberaler Sprachverluduerung bot am 25. Juni 2011 G.S. (= Gerhard Schwarz, ex-NZZ, seit Februar 2011 Direktor von Avenir Suisse), auf Seite 29 im Wirtschaftsteil.
In Deutschland wird seit vielen Jahren demoskopisch die Frage gestellt: "Würden Sie selbst gerne in einem Land leben, in dem es keine Reichen und keine Armen gibt, sondern alle möglichst gleich viel haben."
Die wachsende Akzeptanz für eine Bejahung dieser Frage verleitet G.S. stracks zum etwas unschönen Begriff "GLEICHHEITSFANATIKER" - als ob es ein emotionaler Anschlag sei, mehr Gerechtigkeit anzustreben und sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der die Schere zwischen den Klassen im Verhältnis von 1: 10 anstatt von 1: 10'000 auseinandergeht.
Liberale Geister waren auch schon fantasievoller - kein Grund zu Freude.





sr. | 2. Oktober 2011

Liebe SVP-Wähler, schickt uns Antworten!

1. Warum seid Ihr gegen die Anti-Rassismus-Strafnorm, wenn Ihr gleichzeitig ein Redeverbot für islamistische Hassprediger fordert?
2. Warum seid Ihr für Waffen in jedermanns Kleiderschrank, wenn Ihr Linksradikalismus und Ausländergewalt fürchtet?
3. Warum stellt Ihr Volksrecht über Völkerrecht? Auch die Scharia ist doch ein Volksrecht über dem Völkerrecht?
4. Auf welchen Studien fusst die Überzeugung der SVP, es gäbe keinerlei vom Menschen verursachten Klimawandel?
5. Bedeutet der wirtschaftliche Erfolg der Schweiz automatisch, dass das Land auf dem richtigen Weg ist? Ist Reichtum Recht?
6. Warum kam es Eurer Meinung nach in Amerika, Spanien und England zu keinem Minarettverbot? Was ist in der Schweiz schwerwiegenderes passiert als in New York, Madrid oder in London?
7. Gefällt es Euch, dass das Gedankengut der SVP unvereinbar ist mit dem Gedankengut eines Jesus Christus, Lessing, Kant oder Albert Einstein?
8. Warum litt Euer Demokratie-Verständnis nicht, als die SVP nacheinander die Religionsfreiheit und die Gleichheit vor dem Gesetz abschaffte?





Mm. | 29. September 2011

Die ›Linken und Netten‹

Anfang der Nullerjahre war es in einem Bereich des rechtsbürgerlichen Politspektrums Mode, seine Widersacher als ›Linke und Nette‹ zu bezeichnen. Man folgte damit einem alten, dörflich-patriarchalen Muster, das die Verhöhnung der Sensiblen verlangt, in der Absicht, sie als verweichlicht und lebensuntüchtig darzustellen. Diese Dorfpolitik auf nationaler Ebene findet allerdings vor dem Hintergrund einer globalisierten Politlandschaft statt, also in einiger Ferne zu den Gotthelfschen Lebenswelten, auf die sie sich bezieht. Doch unbeleckt von solcherlei Bedenken feiert die Rede von den ›Linken und Netten‹ den Dschungel einer grenzenlos deregulierten Welt, in der endlich auch die Politik das Gesetz des Stärkeren anerkennt, des Stärkeren, der in einer ökonomischen Siegerjustiz die vermeintlich Schwachen als Linke und Nette verspottet.
Im Zeitalter des endzeitlichen Kapitalismus, dem ultraliberale Theorien nur als Vorwand zur resoluten Bereicherung dienen, glaubt man sich Regungen der Empathie, Solidarität oder Rücksichtnahme, wie sie den ›Netten‹ charakterisieren, nicht leisten zu können – und das ist auch gut so, denn jetzt geht‘s hart auf hart. Die ›Netten‹ sind die Versager eines durchökonomisierten Systems, in dem alles auf Wettkampf und Leistung getrimmt sein soll. Offenbar aber sind diese Netten nicht nett genug, um stillzuhalten und die Machereien der Macher abzunicken, weshalb sie breitenwirksam verhöhnt werden müssen.
Der Rücksichtslose ist der Held dieser Faustrecht-Ideologie, und seine Tugend ist die Härte gegen andere wie sich selbst. Wer andere im abwertender Absicht ›nett‹ nennt, dessen Idol ist der Revolverheld der Wirtschaftsprärie, der Unternehmer mit einer Sechzigstundenwoche, der von unten kommt, sich alles hart erarbeitet hat, sechs Tage die Woche um fünf Uhr aufsteht und gleiches von jedem seiner Untergebenen verlangt. Wer diesem Marschbefehl nicht Folge leisten will, ist zu nett für diese darwinistische Welt, weshalb er als Verlierer aus dem Wettkampf ausscheiden muss.
Für diese Ausgeschiedenen, besonders diejenigen, die sich nicht wehren können, weil sie kein Sprachrohr haben, werden bald neue Kategorien der Abwertung geschaffen – mit Begriffen wie ›Sozialschmarotzer‹, ›Wirtschaftsflüchtling‹ und ›Scheininvalider‹. Das Herrenvolk, von dem Max Frisch Ende der Fünfzigerjahre noch fast heimelig sprach, will nicht mehr nur privilegiert sein, sondern jetzt, unterm Primat der Ökonomie, wettbewerbsgestählt auftreten als ein einig‘ Volk von Zupackern. Wer sich aber in der Politik um Differenzierung und Nuancen bemüht, auch um Interessenausgleich, und daher die Sichtweise des Gegners zu verstehen versucht, ist ein Schwächling, der öffentliche Bloßstellung verdient. Auch hier fühlt man sich an die dörfliche Welt eines Gotthelf erinnert, wo die Männerrituale der Ertüchtigung vorherrschen und zwischendurch mal einer zur Abkühlung in den Dorfbrunnen fliegt.
Damit hat ausgerechnet jene Partei, die behauptet, ›das‹ Volk zu vertreten, jeder politischen Konsenssuche eine Absage erteilt. Denn wer ›links und nett‹ ist, hat nicht verdient, als Stimme ernstgenommen zu werden. Er ist ein Bürger zweiter Klasse, dem man das Wahlrecht nur deshalb nicht aberkennt, weil der Rechtsstaat dafür kein Mittel bereitstellt. Aber es gibt ja auch andere Wege, ihn mundtot zu machen. Man redet nicht mit ihm, brüllt ihn nieder oder macht ihn lächerlich. Auf seine Argumente einzugehen, wäre nur ein Zeichen von Zimperlichkeit. Denn er ist kein wirklicher Gegner, sondern ein Hemmschuh selbstlaufender Prozesse, er steht nur den unausweichlichen Entwicklungen des globalen Wirtschaftens im Weg.
Wer seine Widersacher in einem rhetorischen Heimatstil der Nettigkeit bezichtigt, geht davon aus, dass selbst im digitalen Zeitalter die Politik noch dem Hosenlupf unter Schwingern gleicht, wo bekanntlich der ›Böse‹ siegt. Das Leben? Ein Kampf. Offenheit? Ein Zeichen von Schwäche. Entgegenkommen? Ein Zeichen von Schwäche. Einfühlung? Ein Zeichen von Schwäche! Das Zusammenleben also, das gemäss der demokratischen Idee in einem gemeinsamen Versuch aller mit allen zu gestalten wäre, wird hier als Turnier dargestellt, das es zu gewinnen gilt. Dies wirkt schon insofern grotesk, als der Fluchtpunkt eines jeden individuellen Schicksals bekanntlich der Tod ist. Dieser aber wäre, nach der Lehre von der allumfassenden Ertüchtigung, nur als Niederlage zu verstehen. Man kämpft also die ganze Zeit, um am Ende doch zu unterliegen? Dies allerdings ist schon wieder ein viel zu netter Gedanke: Zu nett für die globalisierte Dorfpolitik des Jahres 2011.





Mm. | 27. September 2011

Das ›Roma-Problem‹

Ich könnte nicht sagen, wer den Begriff geprägt oder zum ersten Mal öffentlich verwendet hat. Mir begegnete er aus dem Munde des Parteipräsidenten Toni Brunner in einer ›Arena‹-Sendung zum ersten Mal. Ich traute Augen und Ohren nicht, dass kein Aufschrei durch die Runde der Gesprächsteilnehmer ging, die sich doch alle, und zwar voller Stolz, als Politiker eines freiheitlichen Staatswesens verstehen. Das Roma-Problem: Hinter diesem Wort höre ich unweigerlich ›die Judenfrage‹. Wer in einer Volksgruppe, ohne Unterscheidung zwischen Individuen, ein ›Problem‹ sieht, ist klar ein Rassist. Und wer fünfzig Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus so mit Sprache umgeht, verrät mangelndes Geschichtsbewusstsein.
Mein Erschrecken geht bis heute tief: Wessen Zimmerboden Mitte des Sommers schwarz von wimmelnden Flugameisen ist, der hat ein Problem und wird entweder zu Pestiziden greifen oder den Kammerjäger bestellen. Doch wer soll der Kammerjäger für die Wohlstandsinsel Schweiz sein?
Wo man in Ungezieferkategorien über Bevölkerungsgruppen spricht, öffnet sich unter dem Boden der Demokratie nicht bloss eine Toggenburger Jauchegrube, sondern ein Abgrund existentiellen Ausmasses. Denn wonach ruft ein Problem? Nach seiner ›Lösung‹ selbstredend, möglichst nach einer gründlichen, damit es aus der Welt geschafft ist. Nach einer Endlösung, fürchte ich, in Gestalt eines Zauns, hinter den alles geworfen werden kann, was man mitzuernähren glaubt und in dem man also einen blossen Mitesser sieht.
Das ›Roma-Problem‹: Niemand hat damals reagiert und offenbart, wes Geistes Kind einer ist, der solche Begriffe verwendet oder prägt. Stattdessen reden wir weiter über den Verlust von Arbeitsplätzen. Und dass Personen, die offenbar keine menschlichen Wesen, sondern ein Problem sind, sie uns wegnehmen. Bangen wir nur um unseren Wohlstand oder ist es uns ernst mit dem, was unsere Verfassung an Grundwerten postuliert?
Solange ein Parteipräsident in einer der meistgesehenen Sendungen des Landes ungestraft solche Wortungetüme loslassen kann, steht es schlecht um die Freiheitlichkeit dieses Staates, die wir immer wieder wortreich und voller Sentimentalität feiern. Doch für diese Freiheitlichkeit sollte die Sprache und der Sprachgebrauch der Politiker weiterhin ein Gradmesser sein, jenseits aller Lippenbekenntnisse.


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