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wmf | 7. Oktober 2012

Literatur

Nein, kein Was-Ist. Was-Ist-Fragen stellen sich in einer stratifikatorisch ständischen Gesellschaft, die jedem ihrer Sach- und Interaktions-Verhalte, jeder ihrer Organisationen und Institutionen notwendig einen festen Platz zuweisen muss. In funktionalistisch liberalen Gesellschaften wie den unseren fragt sich hingegen, was eine Organisation oder eine Institution vermag, wie erfolgreich sie ihre Sache in ökonomischer, politischer, sozio-kultureller Interaktion durchzusetzen weiss. Die Frage, um deren Beantwortung es im Folgenden gehen wird, lautet also nicht: Was ist Literatur? Sondern: Was vermag Literatur?

Reto Finger, weiland Präsident des AdS, hat in seiner Abschieds-Rede vom Frühjahr 2012 dankenswerterweise dazu Stellung genommen. Er spricht dort zwar von Kultur, aber an ihrer Stelle lässt sich, meine ich, ohne weitere Umstände die ohnehin mitbetroffene Literatur einsetzen.

„Ich glaube, es wird eine wichtige Aufgabe von uns sein, dieser Gesellschaft klar zu machen, dass Kultur Dinge leistet (wie Integration, Verständigung, Vermittlung, Abbau von Angst etc.), die für eine Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind. Und das kostet, genauso wie Bahnstrecken, Gesundheitssysteme oder Rentenkassen.“ (AdS-Bulletin vom Juli 2012, S. 14f.)

Integration, Verständigung, Vermittlung, Abbau von Angst. Lässt sich gegen dieses Programm etwas einwenden? Nein. Weshalb hört dann die Gesellschaft so hartnäckig nicht zu, wenn Kultur und Literatur die Mittel zu dessen Erfüllung fordern?

Der gemeinsame Oberbegriff aller eben aufgeführten Programmpunkte lautet: Entschärfung, Milderung (nicht Abschaffung) von Interessen-Gegensätzen zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen, innerhalb gesellschaftlicher Gruppen und im Dasein des einzelnen Individuums, die den gesellschaftlichen Gesamt-Zusammenhang und –Zusammenhalt nicht als erwünschte Konkurrenz fördern und erweitern, sondern ihn behindern, beeinträchtigen oder gar lähmen. Mit der Lösung dieser Aufgabe befassen sich in Gesellschaften wie den unsrigen: Erstens die Politik selbst, deren Grundsatz in einer parlamentarischen Demokratie im Interessen-Handel zwischen Gruppierungen besteht (nicht unbedingt im Interessen-Ausgleich). Zweitens die Institutionen des Sozialstaats, die das Ergebnis des jeweiligen Handels in Integrations-Leistung umsetzen und demgemäss zur Vermittlung von Gegensätzen zwischen den handelnden Gruppierungen beitragen. Drittens die manchmal, aber nicht durchgängig ehrenamtlichen Einrichtungen der Zivil-Gesellschaft, die sich um Verständnis und Verständigung zwischen und innerhalb gesellschaftlicher Gruppen bemühen. Viertens und last but not least die Unternehmen einer ständig wachsenden Weiterbildungs-, Beratungs- und Coaching-Industrie, die im Dasein des einzelnen Individuums seine Angst vor es bedrohenden Sachverhalten nicht bloss abzubauen, sondern in in erfolgversprechende Aggression umzubauen suchen. Und an diesen ohnehin schon langen Zug wollen Kultur und Literatur ihren Wagen auch noch hängen? Die Expertinnen und Experten in Politik, Sozialstaat, Zivil-Gesellschaft und Ich-Industrie mit dem Enthusiasmus gutmeinender Laien beeindrucken?

Angenommen, Kultur und Literatur wollen sich weiterhin als gesellschaftsbezogenes Dienstleistungsangebot verstehen. Dann müssen sie, wenn sie erfolgreich sein wollen, den Nachweis eines Dienstes erbringen, den keine andere gesellschaftliche Institution so gut, so zielgenau und so wirksam zu leisten vermag wie sie. Ohne Konkurrenz werden sie nie sein. Aber sie müssen wissen, wo und wie sie sich als Marktführer behaupten können, und sie müssen entscheiden, in welcher Weise sie das tun wollen.

Was also kann Literatur, was nichts und niemand ausser ihr so gut, so genau, so gründlich wie sie kann? Mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Sprache so umgehen, dass er erkennbar, mehr noch: nachvollziehbar, mehr noch: kritisierbar, mehr noch: veränderbar wird. Wie das? Wozu soll das nützen? Welchen Dienst leistet das wem?

Das Zustande-Kommen jeglicher Art von sprachlicher Äußerung beruht auf der Anwendung einer Fülle untereinander in Verbindung stehender Regeln. Diese Regeln schaffen Unterscheidungen und damit die Möglichkeit der Entscheidung für eine der beiden Seiten der Unterscheidung. Je mehr Entscheidungen getroffen werden, desto bestimmter, konkreter wird die Gestalt der beabsichtigten Äußerung, bis sie mit ihrer Absicht übereinstimmt und mit Aussicht auf Erfolg geäußert werden kann. (Sowohl die Sprachspiel-Theorie Wittgensteins als auch die Sprechakt-Theorie Searles beruhen auf diesem Prozess.) Selbstverständlich vollziehen wir ihn nicht jedes Mal bewusst nach, wenn wir sprechen. Wir würden sonst mehrere Minuten Vorlauf brauchen, um auch nur einen Satz zu bilden. Deshalb halten wir unsere alltägliche Art des Sprachgebrauchs für naturgegeben und setzen sie mit der Sprache überhaupt gleich. Deshalb sind wir jedes Mal überrascht und irritiert, wenn wir einem Text begegnen, der uns auf die eben genannten Regeln hinweist, indem er sie ändert. Solche Texte begegnen uns heutzutage ständig und zuhauf: in den Medien, in der Werbung, in der Politik, kurz: in allen Diskursen, die, den öffentlichen Raum besetzend, unsere Aufmerksamkeit, eigentlich unsere ausschliessliche Aufmerksamkeit heischen. Alle diese Texte bedienen sich phonologischer, grammatischer, rhetorischer, poetischer Regel-Verschiebungen, manchmal kleiner und kleinster, um uns in dem Gleichgültigkeit erzeugenden Diskurslärm, der uns umgibt, aufhorchen und aufmerken zu lassen. (Mallarmé hat seinerzeit darauf hingewiesen, die Poetik der Lyrik sei an die Journale übergegangen, bloss die Werbung hinke noch hinterher. Heute ist’s umgekehrt: Die Werbe-Texte bilden im öffentlichen Raum die sprachregelverändernde Avantgarde, während die Medien hinter ihnen her keuchen.) Was bedeutet nun diese Sach- beziehungsweise Diskurs-Lage für Gestalt und Funktion des öffentlichen Raums, für die gesellschaftliche Kommunikation und Interaktion überhaupt?

Wir lebten gegenwärtig, wird heute gern behauptet, in einer Medien-Gesellschaft. In einer Medien-Gesellschaft haben wir in Westeuropa und den USA seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu leben begonnen. Inzwischen hat sich die Medien-Gesellschaft in eine mediale Gesellschaft verwandelt: Was anfänglich Instrument und Figur war, ist jetzt Prinzip und Form. (Darauf sucht McLuhan in allen seinen Schriften hinzuweisen.) In Rücksicht auf die Darstellung von Inhalten, die von ihnen deutlich verschieden sind, fungieren Medien als Instrument und Figur. Sie unterscheiden das von ihnen Vermittelte durch ihre eigentümliche Vermittlungsweise von sich selbst. Sie weisen etwas für sie anderes als dieses andere aus und negieren damit dessen Identität mit ihnen. Eben in dieser Negation jedoch ist solche Identität zukünftig angelegt. Das Vermittelte reflektiert sich in seiner Vermittlung, erkennt sich darin ebenso sehr durch sie bestimmt wie sie in ihrer Negativität bestimmend und folglich an sich mit ihr identisch. Rücksicht auf Darstellung verwandelt sich in Rücksicht auf Darstellbarkeit. Die Welt ist, was sich in Bild, Ton und Schrift sowie deren mannigfachen Kombinationen diskursiv präsentieren lässt, nicht mehr und nicht weniger (diesen gesellschaftlichen Zustand meint McLuhan mit seinem inzwischen leider zur Floskel gewordenen Satz: Das Medium ist die Botschaft). Was ist, ist informativ und kommunikativ darstellbar; was nicht so ist, ist nicht und infolgedessen nichts. Die Gesellschaft der Transparenz und der Erhellung, als die sich die unsere heute so gerne gibt, ist zugleich eine Gesellschaft des Verdeckens und des Verschwindens, der Verdunkelung und der Opazität.

Der für Information und Kommunikation zur Verfügung stehende öffentliche Raum lässt sich nicht endlos ausdehnen. Oekonomische, politische, soziale, technische und nicht zuletzt wahrnehmungs-psychologische Schranken grenzen ihn ein. Da die Zahl der ihn als Rohstoff nutzenden Industrien wächst, wächst der Konkurrenzkampf um seine Parzellen mit. Diesen Kampf führen die in ihn verwickelten Unternehmen, indem sie die Normen und Regeln alltäglicher Informations- und Kommunikations-Praxis in origineller und überraschender Weise ändern, also ihre ökonomischen Interessen mit Hilfe rhetorischer und poetischer Prinzipien und Prozeduren verfolgen. Konsumentin und Konsument finden sich demgemäss im öffentlichen Raum einer drängenden wie bedrängenden Fülle einander an Innovation und Sensation überbietender Diskurse in Bild, Ton und Wort ausgesetzt, die sie entweder harthörig oder effektgläubig sowie tendenziell gleichgültig macht.

Was vermag Literatur bei dieser Lage der Dinge? Mit ihrem aufmerksam eingreifenden Diskurs jenes Gewirr und Gedränge zu schlichten und es auf seine herrschende Ordnung hin durchsichtig zu machen. Sie vermag dann das, was sie zeigt, ins Licht und in den Zusammenhang anderer, andersartiger Ordnung zu setzen – tragisch komisch ironisch, melancholisch polemisch, untergrabend und unterlaufend, überzeichnend und überverdeutlichend, so in das Spiel, das sie vorführt, eigene Ordnungen mit eigenen Regeln einführend. Sie vermag schliesslich, diese Regel-Ordnungen ihren LeserInnen als Spiel-Anleitungen und somit als Mittel anzubieten, sich aus ihrer Rolle als blosse Diskurs-KonsumentInnen zu befreien und sich in MitspielerInnen zu verwandeln. Literatur hat bei der Lösung dieser gesellschaftlichen Aufgabe keine Konkurrenz. Nur sie ist ihr gewachsen. Allerdings wird sie zuerst und zunächst die von der ‚surprise‘-Strategie der Diskurs-Industrie verdrängte und verschüttete Aufgabe selbst wieder zu gesellschaftlichem Bewusstsein bringen müssen.


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Hinweis

Seite publiziert im Mai 2011.
 

Das Projekt ist im Frühjahr 2013 infolge fehlender Arbeitskapazität eingestellt worden.