RB | 16. April 2012
Der letzte Schweizer (2. Folge)
Rom, den 16. April
Papst Bonifatius I. gewährt Radio Vatikan nach seiner Wahl ein Interview
Radio Vatikan
Wir gratulieren Eurer Heiligkeit herzlich zu Ihrer Wahl und sind stolz, dass Sie Radio Vatikan das erste Gespräch gewähren. Sie haben sich ja eine ganze Woche lang der Öffentlichkeit nicht gezeigt.
Papst Bonifaz I.
Wir wollten uns zuerst ein Bild von der Lage der Kirche machen und die Schwerpunkte unseres Pontifikats festlegen.
RV
Ihre Wahl gilt als Sensation. Niemand rechnete mit einem Schweizer als Nachfolger auf dem Heiligen Stuhl. Die Christenheit ist überrascht. Sie auch?
Bonifaz
Intern galt ich als einziger, der in Frage kam. Ohne meine Vorgänger kritisieren zu wollen, muss ich feststellen, dass sich die Kirche in einer schwierigen Lage befindet.
RV
Die Menschen nehmen den Glauben nicht mehr ernst.
Bonifaz
Da sind wir entschieden anderer Meinung. Die Menschen haben noch nie so sehr geglaubt wie heute. Wenn es uns gelingt, die Gläubigen um uns zu scharen, brauchen wir uns über die Zukunft der Kirche keine Gedanken zu machen.
RV
Die Kirchen stehen überall leer, Eure Eminenz.
Bonifaz
Sehr gut. Wir brauchen Platz, wenn wir zu den weltweit agierenden Playern aufrücken wollen.
RV
Natürlich sind unsere Zuhörer erst einmal gespannt darauf, Ihnen als Mensch zu begegnen. Dürfen wir etwas aus Ihrem Privatleben erfahren? Sie sind ein klassischer Spätberufener. Ist es richtig, dass Sie mit einer Bankkarriere begonnen haben?
Bonifaz
Ich war Verwaltungsratspräsident der Schweizer CS Holding und später CEO bei der Chase Manhatten Bank. Dann kam die Finanzkrise. Ich begann am Sinn dessen zu zweifeln, was wir tagtäglich machten, und geriet in eine Depression. Schliesslich reichte ich die Kündigung ein und trat von allen meinen Mandaten zurück.
RV
Sie waren in eine tiefe Glaubenskrise gestürzt.
Bonifaz
In eine Vertrauenskrise. Nein, den Glauben habe ich Gott sei Dank nie verloren. Um in Ruhe nachdenken zu können, verliess ich meine Familie und zog mich ein halbes Jahr in ein Kloster zurück. Mich interessierte die Frage, worauf man sein Vertrauen setzen soll, um ruhig schlafen zu können. Ich kam zum Schluss, dass einzig die Kirche vertrauenswürdig ist. In ihr liegt, global gesehen, zweifellos das grösste Potential hinieden.
RV
Gepriesen sei der Allerhöchste für diese Erleuchtung!
Bonifaz
Ich liess mich scheiden und begann die Priesterausbildung. Da ich nicht kirchlich geheiratet hatte, galt ich in den Augen der Kirche als ledig und konnte die Priesterweihe ohne Probleme empfangen. Dann ging alles sehr schnell. Bischof, Kardinal, die Auswahl an Kandidaten war nicht allzu gross und ich war trotz meiner Zweitkarriere einer der Jüngsten.
RV
Und nun wollen Sie die Kirche von innen heraus erneuern.
Bonifaz
Sagen wir sanieren. Die Kirche hat fast keine Mitglieder mehr – was also tun? Sie muss Gläubige gewinnen. Wir werden die Führung der Vatikanbank persönlich übernehmen und das Marketingkonzept ganz auf zwei Faktoren abstellen: Sicherheit und Vertrauen. Wir müssen als die Bank mit den sichersten Anlagen wahrgenommen werden. Für das Vertrauen wird die Lex Bonifatii sorgen.
RV
Eine Lex Bonifatii, Eure Heiligkeit mögen verzeihen, kennt die Kirche nicht.
Bonifaz
Noch nicht. Die Lex Bonifatii wird darin bestehen, dass jeder Bankkunde automatisch Mitglied der katholischen Kirche wird. Taufbecken werden in den Filialen zur Standardausrüstung gehören. Im Gegenzug tritt die Kirche als Garantin des Bankvermögens auf. Wir werden den Glauben an den freien Markt, den die Kunden naturgemäss mitbringen, durch das Vertrauen in die Kirche ergänzen, eine optimale Kombination. Die Kirche wird auf absehbare Zeit keine Mitgliederprobleme mehr haben …
RV
… und von finanziellen Sorgen frei sein.
Bonifaz
Das nebenbei, als Papst geht es mir nicht primär ums Geld. Die Vertrauensstrategie, die wir verfolgen, wird die Kleinsparer der Kirche in Massen zuführen, soviel kann ich Ihnen versprechen. Die soliden Strukturen der Kirche können den Boom ohne Probleme verkraften, das ist ein Vorteil unserer weltweiten Vernetzung.
RV
Es lebe der Papst!
Möchten Eure Eminenz zum Schluss Ihren Miteidgenossen jenseits der Alpen einen Gruss zukommen lassen?
Bonifaz
Aber gern! Liebe Landsleute, aus der Ewigen Stadt senden wir euch unseren apostolischen Gruss. Ihr geltet als die Klügsten im Geschäft und die Unerbittlichsten im Sparen. Ihr seid die treuesten Verfechter unseres Glaubens. Möge dieser täglich wachsen und stärker werden! Ich kenne keine Schweizer mehr, ich kenne nur noch Gläubige.
