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wmf | 7. Oktober 2012

Was ist modern?

Nicht in oder hip oder aktuell. Modern. Eine mehr als 350 Jahre alte Formel weiß es immer noch am besten: Cogito – sum. (René Descartes) Ich denke – ich bin. Ich bin, was ich denke zu sein. Was ich denke, ist. Denken gleich Sein. So sagt der Mensch der Aufklärung. Er sagt nicht: Cogito, ergo sum. Ich denke, also bin ich. Er leitet nicht ab, er begründet nicht, er rechtfertigt nicht. Worauf er sich beruft, ist kein Satz, sondern eine Setzung. „Es darf nicht ergo lauten.“ (Immanuel Kant) Der Gedankenstrich annulliert jeden Versuch, die unmittelbare, harte Gleichung von Denken und Sein vermittelnd aufzuweichen, die Setzung in einen Satz, den Anspruch in eine Feststellung zu verwandeln.

Die Folgen? Das Gegenständliche, das Objektive, ob in den Beziehungen zwischen Menschen und Menschen oder in denen zwischen Menschen und Dingen, hat keine Stimme gegenüber dem, was denkend und darin bereits handelnd über es bestimmt. Durch die Sprache, die sie führen könnte, ist ein Gedankenstrich gezogen. Ein Gedankenstrich, der alle Formen moderner Macht nach sich zieht: die bedrohende, die bedrückende, die befehlende, die auffordernde, die anspornende, die versprechende, die belohnende. Sie stellen das Gleichheitszeichen für die Gleichung.

Und wenn das Zeichen keine Gleichheit herzustellen vermag? Wenn es ihm nicht gelingt, die Setzung zu bestätigen? Wenn es eine leere Stelle wird, die das unmittelbare Ineins von Denken und Sein entzweien könnte? Wenn die Moderne in Gefahr käme, nach der Rechtfertigung der Wahrheit zu fragen, aus der sie ihre Wahrheiten nimmt? Dann streicht der Gedankenstrich diese Form des Gleichheitszeichen aus und ersetzt sie durch eine neue. Die Macht weicht der Gewalt. Dann werden Irak und Afghanistan Demokratie, Freiheit und Menschenrechte mit Granaten und Raketen nahegebracht, den Banlieues der Flammenwerfer angedroht, den Flüssen ihr Gold mit Quecksilber aus den Adern gesprengt und den Bergen die Gipfel geköpft, damit sie die unter ihnen liegende Kohle preisgeben. Dann sagt der CEO der Betreibergesellschaft von dem Öl, das aus dem Loch unter seiner explodierten Bohrinsel strömt: Wir haben es im Visier, aber wir haben ihm noch keine Kugel durch den Kopf gejagt.

Geht es darum, den Glauben an die Wirklichkeitskraft des Denkens durch Unglauben zu ersetzen? Nein. „Was ist das Gegenteil von Glaube? Nicht Unglaube [...] Selbst eine Art Glaube. Zweifel.“ (Salman Rushdie) Vielleicht einer von dieser Art: „Wir haben keinerlei Vorstellung davon, wie Bewusstsein in einem rein materiellen System entsteht.“ (Michael O’Shea, Das Gehirn) Da ist er wieder, der Gedankenstrich, nur dass er diesmal von der anderen Seite der Gleichung ausgeht. Ob er sich wohl nachzeichnen, ausziehen, vertiefen ließe?


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Hinweis

Seite publiziert im Mai 2011.
 

Das Projekt ist im Frühjahr 2013 infolge fehlender Arbeitskapazität eingestellt worden.